Sonntag, 13. Oktober 2013

Ich versteh nur Bahnhof



Sex sells, heißt es. Sex ist das Thema Nummer Eins, heißt es weiter. Grund genug, sich einmal an einer erotischen Geschichte zu versuchen, dachte ich mir. Außerdem gefiel mir die Vorstellung, mit nassem Höschen vor dem Laptop zu sitzen und mir versaute Sachen auszudenken. Das fühlt sich bestimmt gar nicht nach Arbeit an, dachte ich mir.

Von wegen. Auch wenn Sex vielleicht das älteste Gewerbe der Welt ist, ist es für mich literarisches Neuland, das ich mir erst keuchend und schwitzend erschließen muss. Als lyrische Jungfrau habe ich noch eine Menge zu lernen, aber von wem? Um ein Gefühl für die schlüpfrigen Feinheiten der erotischen Literatur zu bekommen, habe ich erst mal ein bisschen recherchiert.

Seit es eBook-Reader gibt, lässt sich das ja überall inkognito erledigen. Es ist nicht mehr so wie früher, wo man noch mit dem aktuellsten Marquis de Sade auf den Knien in der Bahn schief angeguckt wurde. Nein, heute kann man den Schweinkram diskret auf dem Weg zur Arbeit oder in der Mittagspause genießen. Zwischen verschlafenen, ahnungslosen Mitmenschen, was ich ziemlich aufregend finde. Ungefähr so, als würde ich im knappen Rock ohne Höschen durch die Stadt laufen. Nicht, dass ich das jemals getan hätte. Aber es ist eine geile Vorstellung, oder?

Wenn du nicht ausgerechnet der prüde Google-Bot bist, stellst du dir jetzt gerade die heiße Textschlampe ohne Höschen vor. Und sei ehrlich, dir gefällt, was du siehst. Genau darum geht es doch bei erotischen Texten. Um unanständige Gedanken, verlockende Möglichkeiten und verborgene Wünsche.

Zumindest in der Theorie. Nach ein paar Zugfahrten erwog ich ernsthaft, eine Fahrkarte ins Kloster zu lösen. Poetisches Pimpern hatte ich mir irgendwie aufregender vorgestellt. Die meisten Geschichten erinnerten michan drittklassige Actionfilme, die sexuelle Handlungen endlos aneinanderreihten. Ohne interessante Figuren, ohne nennenswerte Konflikte und ohne Sinn und Verstand. Ich sah ja ein, dass ich meine Erwartungen viel zu hoch geschraubt hatte. Das erste Mal ist halt immer scheiße. Aber trotzdem.

Mein Interesse an Schuddelliteratur war verflogen. Das Genre, das eben noch so unheimlich spannend erschien, langweilte mich plötzlich. In meinem Frust verschlug es mich in die Bahnhofsbuchhandlung, dem Mekka der verdorbenen Reisebegleitung. Ich kam sogar mit dem Besitzer ins Gespräch, der nicht mit lehrreichen Details über erotische Medien geizte. „Es gibt zwei Arten von Erotik“, sagte er. „Die für Männer.“ Er deute nach rechts auf die Wand mit Hochglanzheften. „Und die für Frauen.“ Er deutete nach links auf den Tisch mit Taschenbüchern.

Männer, so erklärte er weiter, bräuchten den visuellen Reiz. Bilder von nackten Körpern eben. Die Hefte bedienten die Kundenwünsche ziemlich eindeutig. Die prallen Damen auf den Covern sorgten dafür, dass ich Coupé nicht mit einer Autozeitung verwechselte oder Praline für ein Süßwarenmagazin hielt. Weibliche Erotik, fuhr der ergraute Besitzer fort, spiele sich im Kopf ab. Auf dem Büchertisch lagen massenweise Titel wie Shades of Grey, Völgelfrei oder Fucking Berlin.

Männer gucken, Frauen lesen. Lektion verstanden. Solange ich also nicht zur Fotoschlampe umsattele, besteht meine Zielgruppe in erster Line aus Frauen. Sorry, Männer. Ich kann mich nicht dazu durchringen, wirklich ohne Höschen durch die Stadt zu laufen und mein kleines dreckiges Hobby mit dem Handy zu dokumentieren. Die Textschlampe gibt’s bis auf weiteres nur in Prosaform.

Sonntag, 6. Oktober 2013

Textschlampe präsentiert die Quartszahlen



Es gibt gute Neuigkeiten. Die Rohfassung meiner ersten erotischen Kurzgeschichte ist am Mittwochabend (02.10.2013) fertig geworden. Ich bin stolz und glücklich. Der Text besteht aus 16.108 Worten.

Ich hatte vorsichtig 8.000 bis 10.000 Worte angepeilt, war mir aber nicht sicher, ob ich das hinbekomme. So viele Worte auf einmal können ganz schön einschüchtern. Mich zumindest. Am ersten Tag bin ich am Laptop verzweifelt. Da ging gar nichts. Ich war ein Null, die noch nie eine erotische Kurzgeschichte geschrieben hatte und die Worte einfach nicht in eine sinnvolle Reihenfolge bekam. Der Text war ungefähr so frivol wie ein Steuerbescheid. Um ein Haar hätte ich mich aus dem Elfenbeinturm in den wohlverdienten Tod gestürzt, aber zum Glück ließen sich die Fenster nicht öffnen.

Nach der dritten Tasse Kaffee und unzähligen Keksen habe ich endlich einen Text geschrieben, nämlich fuck you.doc. Es war kein versauter Arzt-Roman, sondern ein WORD-Dokument mit meinem ungefiltertem Frust, meiner unbändigen Wut und meinem triefenden Selbstmitleid. So schnell hatte ich selten eine Seite voll. Einmal in Fahrt, konnte ich wenigstens den ersten Absatz meiner Kurzgeschichte verfassen.

Wenn das so weiter geht, bin ich Weihnachten noch nicht fertig, dachte ich. Ende Juni ist das ein erschreckender Gedanke. Stephen King deutet in seiner Autorenbibel Über dasSchreiben an, dass er 2.000 Worte am Tag schreibt. Jeden Tag. Sogar Weihnachten und an seinem Geburtstag. Ein befreundeter Autor hat einen Fantasy-Roman mit gut 100.000 Worten in einem Monat verfasst. Neben seinem damaligen Hauptjob als IT-Berater natürlich. Man hört ständig, dass irgendwelche monomentalen Epen angeblich an einem einzigen Wochenende entstanden sind. Die Autoren hatten dann den Flow, kreativen Autismus, rhythmische 10-Finger-Zuckungen. Keine Ahnung, mir passiert so was nie. Ich bin kerngesund, sprich: arbeitsscheu und langsam.

Ich rede mir gerne ein, dass die Rekorde der anderen sowieso erfunden sind. Zahlen lügen nicht, Menschen dafür ständig. Frauen bei Gewicht und Alter. Männer bei der Länge ihres besten Stücks. Autoren beim täglichen Schreibpensum (und bei der Anzahl ihrer verkaufen Bücher, der Höhe ihres Vorschusses und so weiter).

In den ersten Tagen war das Schreiben echt zäh. Ungefähr so, wie wenn ich nach einer langen Pause mal wieder mit Sport beginne. Schon der Gedanke treibt mir den Schweiß auf die Stirn. Ich zwänge mich nur deshalb in die Laufschuhe, weil die große, böse Wage im Bad eine hundsgemeine erschreckend hohe Zahl ausgespuckt hat, die ich noch nie zuvor gesehen habe.

Mir war klar, das klappt nur mit Disziplin. Also habe ich einen Vertag mit mir selbst geschlossen, der in etwas so aussah:

AUTORENVERTRAG

zwischen

Textschlampe, im folgenden Autor genannt,

und

Textschlampe, im folgenden Agent genannt

  1. Das Wochenpensum des Autors beträgt mind. 1.000 Worte. Die Aufteilung ist unter 2. und 3. geregelt.
  2. Der Autor schreibt an zwei Wochentagen jeweils mind. 250 Worte.
  3. Der Autor schreibt an einem Tag des Wochenendes mind. 500 Worte.
  4. Zuwenig geschriebene Worte müssen unter allen Umständen aufgeholt werden.
  5. Zuviel geschriebene Worte verfallen und dürfen nicht verrechnet werden.
  6. Beim Verstoß gegen die obigen Punkte passiert etwas ganz schlimmes.
  7. Der Agent kann den Vertrag jederzeit kündigen. Der Autor nicht.
Kleingedrucktes: Wer das lesen kann, braucht keine Brille.

Natürlich ist das ein mieser Knebelvertrag, aber ich muss zugeben, dass Textschlampe ein fairer Boss war. In der Woche meines Geburtstags habe ich das Schreiben heimlich ausfallen lassen und Punkt 6. ist zum Glück nicht eingetreten. Puh.

Nach einer Weile konnte ich sogar einen Zahn zulegen. Ich habe dann abends an den Werktagen (meistens montags und dienstags) jeweils 300 Worte und am Samstag 600 Worte geschafft. Das ist immerhin eine Steigerung von 20%. Jeder Controller wäre begeistert.

Wie lange ich für mein Pensum brauchte, war mir zunächst egal. Erst in den letzen zwei Wochen habe ich auf die Uhr geguckt. Mein Schnitt lag bei 176 Worten pro Stunde. Ich weiß, ich weiß, wenn Stephen King so rumschnecken würde, säße er täglich über 11 Stunden am Schreibtisch und hätte bestimmt längst die Fenster des Elfenbeinturms eingeschlagen.

Aber hey, es hat sich gelohnt, die Laufschuhe anzuziehen. Ich habe das Ziel erreicht. Und ein bisschen Spaß hat es auch gemacht. Grund genug, den Prosecco zu entkorken.