Entschuldigen Sie, haben Sie zufällig meine Idee gesehen?
Eben war sie noch da. Ich ließ sie nur eine Sekunde aus den Augen und schon was
sie verschwunden. Sie ist nicht sehr groß, geht mir höchstens bis zur Hüfte,
wächst aber schnell. Zumindest hat sie es mir hoch und heilig versprochen, der
Beweis steht allerdings noch aus.
Wie sie aussieht? Hhm, lassen Sie mich überlegen. Das lässt
sich gar nicht so leicht in Worte fassen. Sie ist irgendwie vage, sehr
zerbrechlich, fast schon durchsichtig. Wie ein Geist in einem dieser alten
Gruselfilme, die ständig in den dritten Programmen wiederholt werden. Sie ist
aber latent solide. Ich will damit sagen, sie besitzt das Potential für mehr. Für
etwas Großes, nie Dagewesenes, geradezu Geniales. Sie wissen, was ich meine.
Sie wissen es nicht? Tut mir leid, Personenbeschreibungen
gehören nicht zu meinen Stärken. Ich kann mir Gesichter schlecht merken, Namen
noch weniger. Auch den von der Idee habe ich leider wieder vergessen. Irgendwas
mit … also… ich hab’s gleich. Ach, verdammt. Der Name strahlt eine gewisse
Exotik aus, sehr sympathisch und ungewöhnlich. Sie hätten ihn hören sollen. Er
liegt mir auf der Zunge… Verdammter Mist.
Wo ich sie zuletzt gesehen habe? Heute morgen unter der
Dusche. Sie stürmte unerwartet ins Badezimmer, ich musste mir schnell ein
Handtuch überwerfen. Das blaue mit den weißen Punkten, das ich im letzten
Schlussverkauf erbeuten konnte. Es brachte dreifache Payback Punkte, die zum
Teil in den neuen Epilierer flossen. Bei der Idee hingegen kann ich nicht mal
mit Sicherheit sagen, ob sie etwas anhatte. Ich denke schon. Vielleicht ein
braunes Hemd. Es könnte auch gelb gewesen sein. Oder blau. Mögleicherweise war
es gar kein Hemd, an einen Kragen erinnere ich mich nämlich nicht.
Wo ich ihr zum ersten Mal begegnet bin? Vorgestern in der
Mittagspause. Als ich den Caramel Macchiato (Grande) für 3,90 € bei Starbucks trank.
Sie drängte sich förmlich auf, ließ sich nicht vertreiben. Selbst als ich
demonstrativ durch meine Glamour
blätterte, war ihr das egal. Unter uns: Ich würde das schon als Stalken
bezeichnen. Sie verfolgte mich den ganzen Tag, sogar bis nach Hause. Selbst
nachts gab sie keine Ruhe. Eine Unverschämtheit, wenn ich so darüber nachdenke.
Vielleicht sollte ich die Polizei rufen.
Ob ich froh bin, dass sie weg ist? Eigentlich nicht. Uns
verbindet eine gewisse Hassliebe. Einerseits übt sie schrecklichen Druck auf
mich aus. Sie verlangt, dass ich mich mit ihr beschäftige, sie aufschreibe. Ich
denke nicht daran, schließlich sieht das nach einer Menge Arbeit aus. Außerdem
hilft der Druck nicht gerade. Ich mag es nicht, bedrängt zu werden. Anderseits
ist sie ziemlich sexy, intelligent und tiefsinnig. Geradezu unwiderstehlich,
das muss ich schon zugeben. Unsere Beziehung ist kompliziert, ich weiß.
Was ich bisher unternommen habe? Naja, das Übliche. Wenn
Ideen verschwinden (leider passiert mir das öfters), stürze ich mich in Hausarbeit.
Spülen, bügeln, putzen, Sie wissen schon. Sogar den Müll habe ich bereits raus
getragen. Jetzt spiele ich ernsthaft mit dem Gedanken, den Keller aufzuräumen. Manchmal
kommen Ideen irgendwann einfach zurück, wenn ich sie gar nicht mehr erwarte. Sie
stehen dann plötzlich neben mir und alles ist gut. Bisher klappte es leider
nicht. Das ist, wie wenn man unbedingt einschlafen will und vor lauter
Schäfchenzählen immer wacher wird. Ich lag heute schon eine gute Stunde mit
Musik auf dem Sofa. Ich trieb mich bei Facebook und Amazon rum. Möglicherweise
sollte ich shoppen gehen, um mal vor die Tür zu kommen. Joggen wäre auch nicht
schlecht. Manchmal laufen mir Ideen in freier Wildbahn über den Weg.
Ob mir das immer so geht? Ich fürchte, ja. Ideen sind sehr
flüchtig, scheu und eigenwillig. Noch dazu unpünktlich, egoistisch und absolut
keine Teamplayer. Vielleicht schreibe ich ihr einen Brief oder halte sie in
meinem Tagebuch fest. Mit Schreiben kann man sie nämlich festnageln, wissen
Sie. Das funktioniert immer!
Wieso ich das nicht schon längst getan habe? Ach, wissen
Sie… Ich schreibe immer erst, wenn alles andere versagt. Schreiben ist nämlich schrecklich
anstrengend. Aber Sie haben Recht, ich sollte endlich damit anfangen.
Aber zuerst setze ich einen heißen Tee auf. Vielleicht will
die Idee ja auch einen.