Sonntag, 24. November 2013

Die flüchtige Idee



Entschuldigen Sie, haben Sie zufällig meine Idee gesehen? Eben war sie noch da. Ich ließ sie nur eine Sekunde aus den Augen und schon was sie verschwunden. Sie ist nicht sehr groß, geht mir höchstens bis zur Hüfte, wächst aber schnell. Zumindest hat sie es mir hoch und heilig versprochen, der Beweis steht allerdings noch aus.

Wie sie aussieht? Hhm, lassen Sie mich überlegen. Das lässt sich gar nicht so leicht in Worte fassen. Sie ist irgendwie vage, sehr zerbrechlich, fast schon durchsichtig. Wie ein Geist in einem dieser alten Gruselfilme, die ständig in den dritten Programmen wiederholt werden. Sie ist aber latent solide. Ich will damit sagen, sie besitzt das Potential für mehr. Für etwas Großes, nie Dagewesenes, geradezu Geniales. Sie wissen, was ich meine.

Sie wissen es nicht? Tut mir leid, Personenbeschreibungen gehören nicht zu meinen Stärken. Ich kann mir Gesichter schlecht merken, Namen noch weniger. Auch den von der Idee habe ich leider wieder vergessen. Irgendwas mit … also… ich hab’s gleich. Ach, verdammt. Der Name strahlt eine gewisse Exotik aus, sehr sympathisch und ungewöhnlich. Sie hätten ihn hören sollen. Er liegt mir auf der Zunge… Verdammter Mist.

Wo ich sie zuletzt gesehen habe? Heute morgen unter der Dusche. Sie stürmte unerwartet ins Badezimmer, ich musste mir schnell ein Handtuch überwerfen. Das blaue mit den weißen Punkten, das ich im letzten Schlussverkauf erbeuten konnte. Es brachte dreifache Payback Punkte, die zum Teil in den neuen Epilierer flossen. Bei der Idee hingegen kann ich nicht mal mit Sicherheit sagen, ob sie etwas anhatte. Ich denke schon. Vielleicht ein braunes Hemd. Es könnte auch gelb gewesen sein. Oder blau. Mögleicherweise war es gar kein Hemd, an einen Kragen erinnere ich mich nämlich nicht.

Wo ich ihr zum ersten Mal begegnet bin? Vorgestern in der Mittagspause. Als ich den Caramel Macchiato (Grande) für 3,90 € bei Starbucks trank. Sie drängte sich förmlich auf, ließ sich nicht vertreiben. Selbst als ich demonstrativ durch meine Glamour blätterte, war ihr das egal. Unter uns: Ich würde das schon als Stalken bezeichnen. Sie verfolgte mich den ganzen Tag, sogar bis nach Hause. Selbst nachts gab sie keine Ruhe. Eine Unverschämtheit, wenn ich so darüber nachdenke. Vielleicht sollte ich die Polizei rufen.

Ob ich froh bin, dass sie weg ist? Eigentlich nicht. Uns verbindet eine gewisse Hassliebe. Einerseits übt sie schrecklichen Druck auf mich aus. Sie verlangt, dass ich mich mit ihr beschäftige, sie aufschreibe. Ich denke nicht daran, schließlich sieht das nach einer Menge Arbeit aus. Außerdem hilft der Druck nicht gerade. Ich mag es nicht, bedrängt zu werden. Anderseits ist sie ziemlich sexy, intelligent und tiefsinnig. Geradezu unwiderstehlich, das muss ich schon zugeben. Unsere Beziehung ist kompliziert, ich weiß.

Was ich bisher unternommen habe? Naja, das Übliche. Wenn Ideen verschwinden (leider passiert mir das öfters), stürze ich mich in Hausarbeit. Spülen, bügeln, putzen, Sie wissen schon. Sogar den Müll habe ich bereits raus getragen. Jetzt spiele ich ernsthaft mit dem Gedanken, den Keller aufzuräumen. Manchmal kommen Ideen irgendwann einfach zurück, wenn ich sie gar nicht mehr erwarte. Sie stehen dann plötzlich neben mir und alles ist gut. Bisher klappte es leider nicht. Das ist, wie wenn man unbedingt einschlafen will und vor lauter Schäfchenzählen immer wacher wird. Ich lag heute schon eine gute Stunde mit Musik auf dem Sofa. Ich trieb mich bei Facebook und Amazon rum. Möglicherweise sollte ich shoppen gehen, um mal vor die Tür zu kommen. Joggen wäre auch nicht schlecht. Manchmal laufen mir Ideen in freier Wildbahn über den Weg.

Ob mir das immer so geht? Ich fürchte, ja. Ideen sind sehr flüchtig, scheu und eigenwillig. Noch dazu unpünktlich, egoistisch und absolut keine Teamplayer. Vielleicht schreibe ich ihr einen Brief oder halte sie in meinem Tagebuch fest. Mit Schreiben kann man sie nämlich festnageln, wissen Sie. Das funktioniert immer!

Wieso ich das nicht schon längst getan habe? Ach, wissen Sie… Ich schreibe immer erst, wenn alles andere versagt. Schreiben ist nämlich schrecklich anstrengend. Aber Sie haben Recht, ich sollte endlich damit anfangen.

Aber zuerst setze ich einen heißen Tee auf. Vielleicht will die Idee ja auch einen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen