Sonntag, 10. November 2013

So klappt’s mit dem Poolreiniger



Viele Geschichten, nicht nur erotische, triefen nur so vor Klischees. Wie die vom knackigen Poolreiniger, der die willige Hausfrau flach legt, oder von ihr verführt wird. Schon wenn er mit seinem Knackarsch Richtung Pool wackelt, ist klar, dass er gleich das labbelige T-Shirt auszieht, das seinen durchtrainierten Oberkörper verhüllt. „Puh, ist das heiß heute, Ma’am.“

Bei der Zigarette danach fragt sich der genervte Leser, wieso er dieser Geschichte überhaupt eine Chance gegeben hat. Alles ist so gekommen wie erwartet. Die ganze Situation war komplett an den Haaren herbeigezogen und nur ein lahmer Vorwand für die Aneinanderreihung bewährter Sex-Stellungen. Auch wenn erotische Geschichten nicht unbedingt realistisch sein müssen – Träume, Phantasien und Märchen sind ja Teil des Genres – kann ein bisschen Erdung nicht schaden. Das Konzept Poolreiniger poppt Hausfrau ist jedenfalls ziemlich dünn.

Die Sache liegt natürlich ganz anders, wenn der Autor tatsächlich Poolreiniger ist. Selbst wenn er als treuer Ehemann mit vier Kindern und drei Katzen nie eine Kundin anrühren würde, kann er durch authentische Details aus dem Alttag das Klischee entstauben. Sein erotischer Roman „Poolreiniger Report“ wird ganz sicher ein Hit, weil er dem ausgelutschten Szenario eine neue Perspektive abgewinnt. Das gute alte Motto „Schreib was du kennst“ hat sich mal wieder bewährt.

Halt, Stopp! Das ist ja ein super Tipp, aber was mache ich, wenn ich kein Poolreiniger bin? Muss ich etwa auf Poolreiniger umschulen oder wenigstens ein Praktikum im Schwimmbad machen? Selbst wenn ich das täte, wäre es nicht das Selbe. Denn ich bin eine Frau! Du schlägst doch nicht ernsthaft vor, dass ich mich zum Mann umoperieren lassen muss, nur um einen Bestseller zu schreiben? Tut mir leid, aber das Moto heißt nun mal „Schreib was du kennst“. Da kann ich nichts machen. Vielleicht hast du ja Glück und bist Krankenschwester oder Sekretärin. Dann kannst du ein anderes Klischee entstauben und das Vorurteil aus der Welt schaffen, dass Strings und Halterlose zur Berufskleidung gehören.

Ich will aber über Poolreiniger schreiben! Wenn du so denkst, kannst du die Geschichte immer noch aus der Perspektive der Frau erzählen. Aber auch hier solltest du das bewährte „Schreib was du kennst“ Motto beachten. Wie jetzt? Soll ich einfach einen scharfen Poolreiniger zu mir nach Hause bestellen? Ich habe nicht mal einen Pool! Den Einwand lasse ich nicht gelten, da es schließlich nicht wirklich um den Pool geht, oder? Ein bisschen Einsatz musst du schon zeigen, finde ich. Schreiben verlangt Opfer, so ist das eben.

Wie bist du denn drauf, Textschlampe? Soll ich vielleicht im Internet eine Anzeige posten?

Diskreter Poolreiniger gesucht

Du bist ein erfahrener Poolreiniger, möglichst mit Waschbrettbauch, groß, schlank, braun gebrannt und gut bestückt. Mit eigenem Pool! Suche dich zur gemeinsamen Recherche für meinen erotischen Roman „Wasserspiele“ (Arbeitstitel). Zu mir: Nachwuchsschriftstellerin, 28, tageslichttauglich. Bitte nur ernst gemeinte Zuschriften von echten Poolreinigern mit Gewerbenachweis, Danke. Alle anderen werden kommentarlos gelöscht.

Hm, so schlecht finde ich die Idee gar nicht. Bin mal gespannt, was für Erfahrungen du dabei machst und welche es davon in deine Geschichte schaffen. Wenigstens klaust du nicht länger aus der Klischeekiste, sondern schreibst, was du kennst. Es würde mich schon interessieren, was dein Callboy so drauf hat. War es wirklich so geil, wie du es dir vorgestellt hast? Ist er hinterher noch zum Kaffee geblieben oder gleich verschwunden? Kommt es in seinem Job oft vor, dass Frauen ihn für Sex bestellen oder bist du die Erste? Kannst du seine Rechnung von der Steuer absetzen?

Ich würde deine Geschichte sofort lesen wollen. Und wenn du „Basiert auf einer waren Geschichte“ aufs Cover druckst, sicher auch der Rest der Welt. Nicht, dass wir uns falsch verstehen. In meinen Augen musst du nicht unbedingt mit einem Poolreiniger schlafen, um über einen zu schreiben. Du musst auch nicht auf den Strich gehen, um in das Seelenleben einer Prostituierten auszuloten. Thrillerautoren würde ich dringend davon abraten, aus Recherchegründen Menschen zu töten. Aber das ist nur meine Meinung.

Ich verstehe „Schreib was du kennst“ nicht unbedingt wörtlich. Ich glaube, dass es dabei in erster Linie um authentische Gefühle, Ängste und Erfahrungen des Autors geht. Die Story mit dem Poolreiniger ist dann gut, wenn du etwas von dir rein packst. Ich meine, wieso zum Teufel willst du überhaupt über einen beknackten Poolreiniger schreiben? Macht dich der spontane Sex an? Sehnst du dich nach einem Fremden? Würdest du gerne von einem Traumtypen vernascht werden? Ist es der Altersunterschied? Reizt es dich, Grenzen zu überschreiten? Wen ja, welche? So heißblütig und attraktiv der Poolreiniger auch sein mag, hier geht es um dich. Es geht immer um die Emotionen und Erfahrungen des Autors. Und wenn du dich traust, etwas davon preiszugeben, kannst du auf Klischees getrost verzichten. Dann hat selbst der Poolreiniger ein paar Überraschungen auf Lager.

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