Samstag, 7. Dezember 2013

Das mach ich gleich



Das Lieblingswort englischsprachiger Autoren beginnt mit P. Nein, nicht Payment oder Publisher. Die sind beide viel zu abgenutzt, um als Lieblingsworte durchzugehen. Auch nicht Pulitzer, Price oder Poem. Viel zu anspruchsvoll für eine ehrliche Unterhaltung. Höre ich da Plot, Paragraph, Paper oder Pen? Tut mir leid. Purpose, Point of View? Jetzt wird es aber sehr technisch. Pet, Party, Porno? Schon besser. Zumindest geht es grob in die richtige Richtung, weil es praktisch nichts mit Schreiben zutun hat. Niemand spricht gerne über die Arbeit.

Der Daueranwärter auf das literarische Unwort des Jahres in englischer Sprache (Achtung, es könnte durchaus einmal als Millionenfrage von Günther Jauch gestellt werden) ist schlicht und ergreifend Procrastination.

Das ist ein Wort für Autoren, nicht für Leser. In Texten – also im literarischen Endprodukt – taucht es eher selten auf. Doch aus Autoren-Podcasts, Schriftsteller-Interviews und Schreib-Fibeln (zumindest den ehrlichen) ist es nicht wegzudenken.

Procrastination heißt so viel wie Zögern, Aufschieben, Verschleppen. Nicht-Schreiben also. Es ist der Moment, in dem ich in die Küche trotte, einen verstohlenen Blick in den Kühlschrank werfe, einen Tee aufsetze und ihn schön lange ziehen lasse. Früchtetee braucht schließlich locker 10 Minuten. Autoren kennen das. Also bis gleich…

10 Minuten später. Ah, der Tee tut gut.

Weniger gut tut das schlechte Gewissen, das jetzt nicht ganz zu unrecht bemängelt, dass die Aufschieberei reine Zeitverschwendung sei. Reiß dich endlich zusammen, Textschlampe, und schreib den Blogpost fertig. Sonst sitzt du noch bis Mitternacht am Laptop und starrst den blinkenden Cursor an. Je nach Früchteteesorte vielleicht noch länger.

Aber wieso ist das so? Wieso schreibe ich den Kram nicht einfach runter. Im Prinzip weiß ich ja, was ich sagen will. Nämlich… Also… Ich möchte mich über die nervige Verzögerungstaktik auslassen, die offenbar zum Schreiben irgendwie dazu gehört. So wie Jing und Jang, Pech und Schwefel, Die Schöne und das Biest, Hanni und Nanni. Ach, Mist. Ich glaube, es ist schon wieder Zeit für einen Tee. Mensch, Textschlampe! Das kannst du nicht bringen. Das ist total unprofessionell. Na gut, aber wenigstens kurz aufs Klo muss drin sein. Ich beeil mich auch, versprochen.

2 Minuten später. Sorry, aber Früchtetee läuft verflucht schnell durch.

Auf dem stillen Örtchen hatte ich eine Erkenntnis. Mir ist aufgefallen, dass Procrastination immer und überall im Schreibprozess auftaucht. Es fängt bereits mit der Idee an. So lange sie noch schön unkonkret ist und unverbindlich im Hintergrund meines Gehirns herumeiert, ist alles okay. Konkretere Formen werfen hingegen bedrohliche Schatten voraus. Und spätestens, wenn ich mich entschließe, die Idee auszuarbeiten und aufzuschreiben (Gott bewahre wie stressig), meldet sich der Procrastinator zu Wort.

Ähm, Aufschreiben – so in ganzen Sätzen – ist gerade ungünstig, weil ich noch [Ausrede 1] und [Ausrede 2] machen muss. Und selbst wenn ich wider erwartend schneller damit fertig werde (und davon gehe ich, Hohes Gericht, nicht aus), bleibt noch immer [Ausrede 3]. Aber – mein Vorschlag zur Güte - ich könnte schon mal darüber nachdenken, die Idee im Hinterkopf reifen lassen. Wie einen guten Wein.

Ein amerikanischer Autor meinte in einem Podcast, er sei davon überzeugt, auch dann zu schreiben, wenn er gerade nicht physisch schreibe. Sein Gehirn würde dann einfach weiter arbeiten, obwohl er mit Pets, Partys und Pornos beschäftigt sei.

Vielleicht sollte ich diese Logik mal bei meinem Chef testen. „Ich weiß, es klingt verrückt. Aber mein Gehirn arbeitet weiter, auch wenn ich auf der Arbeit schlafe. Im Homeoffice wäre ich übrigens noch produktiver. Was meinen Sie?“

Das mit dem Reifen lassen, ist prinzipiell keine schlechte Idee. Aber irgendwann muss ich leider die Ärmel hochkrempeln und loslegen. Sonst kommt der gute Wein nie in die Flasche. Ja, aber doch nicht heute, ächzt der Procrastinator mit starkem österreichischem Akzent. Wie wäre es vorher mit einem Stückchen Sacher-Torte zur Stärkung? Mit Schlag?

4 Werktage später. Sacher verschickt praktisch weltweit. Details und Preise stehen auf der Homepage. Um ein Haar wäre die Lieferung aus Wien beim Nachbarn abgegeben worden, was das Schreiben nochmals verzögert hätte. Ist aber noch mal gut gegangen. Die original Sacher-Torte ist mir eigentlich etwas zu trocken, aber die Erfahrung war es trotzdem wert. Das musste jetzt sein.

Wie schafft es Stephen King eigentlich, nach so vielen Romanen so schlank zu bleiben? Pan Cake, Pastry, Pasta, Pudding – gerne in dieser Reihenfolge – bieten eine willkommene Abwechslung im harten Schreibprozess, der vor allem von schweißtreibendem Nichtstun geprägt ist.

In Phase 2, dem tatsächlichen Aneinanderreihen von Worten zu ganzen Sätzen, wird es nicht gerade leichter. Ich würde mich ja sofort dran setzen, wenn der Kühlschrank nicht so leer wäre. Ohne Essen geht es einfach nicht. Außerdem sind da noch [Ausrede 4] und [Ausrede 5], die einfach keinen Aufschub dulden. Aber danach setze ich mich gleich dran. Versprochen, Ehrenwort. Promise!

Sonntag, 24. November 2013

Die flüchtige Idee



Entschuldigen Sie, haben Sie zufällig meine Idee gesehen? Eben war sie noch da. Ich ließ sie nur eine Sekunde aus den Augen und schon was sie verschwunden. Sie ist nicht sehr groß, geht mir höchstens bis zur Hüfte, wächst aber schnell. Zumindest hat sie es mir hoch und heilig versprochen, der Beweis steht allerdings noch aus.

Wie sie aussieht? Hhm, lassen Sie mich überlegen. Das lässt sich gar nicht so leicht in Worte fassen. Sie ist irgendwie vage, sehr zerbrechlich, fast schon durchsichtig. Wie ein Geist in einem dieser alten Gruselfilme, die ständig in den dritten Programmen wiederholt werden. Sie ist aber latent solide. Ich will damit sagen, sie besitzt das Potential für mehr. Für etwas Großes, nie Dagewesenes, geradezu Geniales. Sie wissen, was ich meine.

Sie wissen es nicht? Tut mir leid, Personenbeschreibungen gehören nicht zu meinen Stärken. Ich kann mir Gesichter schlecht merken, Namen noch weniger. Auch den von der Idee habe ich leider wieder vergessen. Irgendwas mit … also… ich hab’s gleich. Ach, verdammt. Der Name strahlt eine gewisse Exotik aus, sehr sympathisch und ungewöhnlich. Sie hätten ihn hören sollen. Er liegt mir auf der Zunge… Verdammter Mist.

Wo ich sie zuletzt gesehen habe? Heute morgen unter der Dusche. Sie stürmte unerwartet ins Badezimmer, ich musste mir schnell ein Handtuch überwerfen. Das blaue mit den weißen Punkten, das ich im letzten Schlussverkauf erbeuten konnte. Es brachte dreifache Payback Punkte, die zum Teil in den neuen Epilierer flossen. Bei der Idee hingegen kann ich nicht mal mit Sicherheit sagen, ob sie etwas anhatte. Ich denke schon. Vielleicht ein braunes Hemd. Es könnte auch gelb gewesen sein. Oder blau. Mögleicherweise war es gar kein Hemd, an einen Kragen erinnere ich mich nämlich nicht.

Wo ich ihr zum ersten Mal begegnet bin? Vorgestern in der Mittagspause. Als ich den Caramel Macchiato (Grande) für 3,90 € bei Starbucks trank. Sie drängte sich förmlich auf, ließ sich nicht vertreiben. Selbst als ich demonstrativ durch meine Glamour blätterte, war ihr das egal. Unter uns: Ich würde das schon als Stalken bezeichnen. Sie verfolgte mich den ganzen Tag, sogar bis nach Hause. Selbst nachts gab sie keine Ruhe. Eine Unverschämtheit, wenn ich so darüber nachdenke. Vielleicht sollte ich die Polizei rufen.

Ob ich froh bin, dass sie weg ist? Eigentlich nicht. Uns verbindet eine gewisse Hassliebe. Einerseits übt sie schrecklichen Druck auf mich aus. Sie verlangt, dass ich mich mit ihr beschäftige, sie aufschreibe. Ich denke nicht daran, schließlich sieht das nach einer Menge Arbeit aus. Außerdem hilft der Druck nicht gerade. Ich mag es nicht, bedrängt zu werden. Anderseits ist sie ziemlich sexy, intelligent und tiefsinnig. Geradezu unwiderstehlich, das muss ich schon zugeben. Unsere Beziehung ist kompliziert, ich weiß.

Was ich bisher unternommen habe? Naja, das Übliche. Wenn Ideen verschwinden (leider passiert mir das öfters), stürze ich mich in Hausarbeit. Spülen, bügeln, putzen, Sie wissen schon. Sogar den Müll habe ich bereits raus getragen. Jetzt spiele ich ernsthaft mit dem Gedanken, den Keller aufzuräumen. Manchmal kommen Ideen irgendwann einfach zurück, wenn ich sie gar nicht mehr erwarte. Sie stehen dann plötzlich neben mir und alles ist gut. Bisher klappte es leider nicht. Das ist, wie wenn man unbedingt einschlafen will und vor lauter Schäfchenzählen immer wacher wird. Ich lag heute schon eine gute Stunde mit Musik auf dem Sofa. Ich trieb mich bei Facebook und Amazon rum. Möglicherweise sollte ich shoppen gehen, um mal vor die Tür zu kommen. Joggen wäre auch nicht schlecht. Manchmal laufen mir Ideen in freier Wildbahn über den Weg.

Ob mir das immer so geht? Ich fürchte, ja. Ideen sind sehr flüchtig, scheu und eigenwillig. Noch dazu unpünktlich, egoistisch und absolut keine Teamplayer. Vielleicht schreibe ich ihr einen Brief oder halte sie in meinem Tagebuch fest. Mit Schreiben kann man sie nämlich festnageln, wissen Sie. Das funktioniert immer!

Wieso ich das nicht schon längst getan habe? Ach, wissen Sie… Ich schreibe immer erst, wenn alles andere versagt. Schreiben ist nämlich schrecklich anstrengend. Aber Sie haben Recht, ich sollte endlich damit anfangen.

Aber zuerst setze ich einen heißen Tee auf. Vielleicht will die Idee ja auch einen.

Sonntag, 10. November 2013

So klappt’s mit dem Poolreiniger



Viele Geschichten, nicht nur erotische, triefen nur so vor Klischees. Wie die vom knackigen Poolreiniger, der die willige Hausfrau flach legt, oder von ihr verführt wird. Schon wenn er mit seinem Knackarsch Richtung Pool wackelt, ist klar, dass er gleich das labbelige T-Shirt auszieht, das seinen durchtrainierten Oberkörper verhüllt. „Puh, ist das heiß heute, Ma’am.“

Bei der Zigarette danach fragt sich der genervte Leser, wieso er dieser Geschichte überhaupt eine Chance gegeben hat. Alles ist so gekommen wie erwartet. Die ganze Situation war komplett an den Haaren herbeigezogen und nur ein lahmer Vorwand für die Aneinanderreihung bewährter Sex-Stellungen. Auch wenn erotische Geschichten nicht unbedingt realistisch sein müssen – Träume, Phantasien und Märchen sind ja Teil des Genres – kann ein bisschen Erdung nicht schaden. Das Konzept Poolreiniger poppt Hausfrau ist jedenfalls ziemlich dünn.

Die Sache liegt natürlich ganz anders, wenn der Autor tatsächlich Poolreiniger ist. Selbst wenn er als treuer Ehemann mit vier Kindern und drei Katzen nie eine Kundin anrühren würde, kann er durch authentische Details aus dem Alttag das Klischee entstauben. Sein erotischer Roman „Poolreiniger Report“ wird ganz sicher ein Hit, weil er dem ausgelutschten Szenario eine neue Perspektive abgewinnt. Das gute alte Motto „Schreib was du kennst“ hat sich mal wieder bewährt.

Halt, Stopp! Das ist ja ein super Tipp, aber was mache ich, wenn ich kein Poolreiniger bin? Muss ich etwa auf Poolreiniger umschulen oder wenigstens ein Praktikum im Schwimmbad machen? Selbst wenn ich das täte, wäre es nicht das Selbe. Denn ich bin eine Frau! Du schlägst doch nicht ernsthaft vor, dass ich mich zum Mann umoperieren lassen muss, nur um einen Bestseller zu schreiben? Tut mir leid, aber das Moto heißt nun mal „Schreib was du kennst“. Da kann ich nichts machen. Vielleicht hast du ja Glück und bist Krankenschwester oder Sekretärin. Dann kannst du ein anderes Klischee entstauben und das Vorurteil aus der Welt schaffen, dass Strings und Halterlose zur Berufskleidung gehören.

Ich will aber über Poolreiniger schreiben! Wenn du so denkst, kannst du die Geschichte immer noch aus der Perspektive der Frau erzählen. Aber auch hier solltest du das bewährte „Schreib was du kennst“ Motto beachten. Wie jetzt? Soll ich einfach einen scharfen Poolreiniger zu mir nach Hause bestellen? Ich habe nicht mal einen Pool! Den Einwand lasse ich nicht gelten, da es schließlich nicht wirklich um den Pool geht, oder? Ein bisschen Einsatz musst du schon zeigen, finde ich. Schreiben verlangt Opfer, so ist das eben.

Wie bist du denn drauf, Textschlampe? Soll ich vielleicht im Internet eine Anzeige posten?

Diskreter Poolreiniger gesucht

Du bist ein erfahrener Poolreiniger, möglichst mit Waschbrettbauch, groß, schlank, braun gebrannt und gut bestückt. Mit eigenem Pool! Suche dich zur gemeinsamen Recherche für meinen erotischen Roman „Wasserspiele“ (Arbeitstitel). Zu mir: Nachwuchsschriftstellerin, 28, tageslichttauglich. Bitte nur ernst gemeinte Zuschriften von echten Poolreinigern mit Gewerbenachweis, Danke. Alle anderen werden kommentarlos gelöscht.

Hm, so schlecht finde ich die Idee gar nicht. Bin mal gespannt, was für Erfahrungen du dabei machst und welche es davon in deine Geschichte schaffen. Wenigstens klaust du nicht länger aus der Klischeekiste, sondern schreibst, was du kennst. Es würde mich schon interessieren, was dein Callboy so drauf hat. War es wirklich so geil, wie du es dir vorgestellt hast? Ist er hinterher noch zum Kaffee geblieben oder gleich verschwunden? Kommt es in seinem Job oft vor, dass Frauen ihn für Sex bestellen oder bist du die Erste? Kannst du seine Rechnung von der Steuer absetzen?

Ich würde deine Geschichte sofort lesen wollen. Und wenn du „Basiert auf einer waren Geschichte“ aufs Cover druckst, sicher auch der Rest der Welt. Nicht, dass wir uns falsch verstehen. In meinen Augen musst du nicht unbedingt mit einem Poolreiniger schlafen, um über einen zu schreiben. Du musst auch nicht auf den Strich gehen, um in das Seelenleben einer Prostituierten auszuloten. Thrillerautoren würde ich dringend davon abraten, aus Recherchegründen Menschen zu töten. Aber das ist nur meine Meinung.

Ich verstehe „Schreib was du kennst“ nicht unbedingt wörtlich. Ich glaube, dass es dabei in erster Linie um authentische Gefühle, Ängste und Erfahrungen des Autors geht. Die Story mit dem Poolreiniger ist dann gut, wenn du etwas von dir rein packst. Ich meine, wieso zum Teufel willst du überhaupt über einen beknackten Poolreiniger schreiben? Macht dich der spontane Sex an? Sehnst du dich nach einem Fremden? Würdest du gerne von einem Traumtypen vernascht werden? Ist es der Altersunterschied? Reizt es dich, Grenzen zu überschreiten? Wen ja, welche? So heißblütig und attraktiv der Poolreiniger auch sein mag, hier geht es um dich. Es geht immer um die Emotionen und Erfahrungen des Autors. Und wenn du dich traust, etwas davon preiszugeben, kannst du auf Klischees getrost verzichten. Dann hat selbst der Poolreiniger ein paar Überraschungen auf Lager.

Freitag, 1. November 2013

Dirty Talk: Dinge beim Namen nennen



Erotische Geschichten drehen sich bekanntlich um erotische Handlungen. Mit anderen Worten: Es wird §?@$!#% bis sich die Balken biegen, das Lattenrost kracht und die Bettfedern springen. Was die Damen und/oder Herren da so miteinander anstellen, ist ziemlich eindeutig. Die Frage ist nur, wie finde ich dafür die passenden Worte?

So wie ich das sehe, gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder beschränke ich mich auf vorsichtige Andeutungen und achte darauf, dass die bis zum Kopf hochgezogene Bettdecke nicht verrutscht. Ungefähr so: „Ihre Körper wanden sich in Ekstase, bis sie endlich den ersehnten Höhepunkt erreichten, der wie ein Tropengewitter über sie hereinbrach.“ Etwas schwulstig, aber du merkst schon, worauf ich hinaus will.

Oder ich gehe unter die Hardcore-Autoren und widme mich den schlüpfrigen Details. „Als sein gewaltiger Zauberstab in ihre triefende Lustgrotte eindrang, fand ihr geiler Kitzler endlich Erlösung.“ Ach, du meine Güte, klingt das scheiße! Wenigsten muss der Leser nicht lange überlegen, was sich die Textschlampe unter einem Tropengewitter vorstellt. Trotzdem liest sich der Satz billig und verklemmt. Billig, weil die Handlung irgendwie banal ist. Verklemmt, weil ich die Dinge nicht beim Namen nenne. Ich bezeichne sein bestes Stück als Zauberstab. Hubs, habe ich gerade bestes Stück geschrieben? Das ist ja schon wieder eine verklemmte Umschreibung.

Also gut: „Als sein pulsierender Penis in ihre feuchte Scheide eindrang, fand ihre Klitoris endlich Erlösung.“ Mal ganz davon abgesehen, dass ein gleichzeitiger vaginaler und klitoraler Orgasmus eher ins Reich der Legenden gehört, liest sich der Text auch nicht besser. Der Heftroman hat sich gerade in ein Anatomiebuch verwandelt.

In meiner Kurzgeschichte benutze ich meistens die Wörter Penis oder Schwanz. Ganz glücklich bin ich mit beiden nicht. Penis ist mir oft eine Spur zu neutral. Es hört sich so korrekt an wie ein Dudeneintrag und erinnert mich an Arztpraxen, die Volkszählung oder den Steuerbescheid. Genau wie Glied, das mir gar nicht gefällt. Sobald mein versautes Pärchen in Fahrt kommt, schreibe ich Schwanz. Lächerliche Umschreibungen wie „seine pralle Männlichkeit“ gehen gar nicht, da greife ich lieber zum bewährten Ständer. Ganz selten kommt mir schon mal ein bestes Stück unter, aber nie in Sexszenen. Die Morgenlatte hat es auch schon aufs Papier geschafft.

Pimmel, Schwengel, Lümmel und Dödel sind mir zu prollig. Wonnestab, Lustzapfen und Samenspender schreien geradezu nach Parodie. Da gute erotische Geschichten aber den Humor in den Sexszenen auf ein Minimum reduzieren, sind die Worte nicht zu gebrauchen. Prügel und Keulen haben selbst im SM-Bereich nichts verloren. Rohr, Riemen, Kolben und Gartenschlauch eigenen sich bestenfalls für das beliebte Subgenre der Poolreiniger- und Handwerker-Erotik. Bei Joystick denke ich an Luke Skywalker, bei Flöte an Mozart. Schlangen sind Tiere. Willi und Liane würden ein super Paar abgeben. Und Pippimann klingt total unerotisch.

Meine Damen haben eine Vagina oder eine Scheide. Ab und zu eine Spalte oder einen Schlitz, das kommt auf den Kontext an. Verschont mich bitte mit Muschi, Möse, Dose, Pflaume oder Zaubergarten. Mit Fotze und Fickspalt sowieso. Sach mal, geht’s noch? Auch auf Kreatives wie Einflugschneise, Schwanzschatulle, Samensammelstalle oder Fischbrötchen verzichte ich gerne. Oder hört sich „Sein Dampfhammer ergoss seine heiße Sahne in ihren Liebespudding“ vielleicht erotisch an?

Bei der Oberweite halte ich mich streng an die drei Bs. Nämlich Brust, Brüste, Busen. Nicht mit Bällen, Beulen und Ballons verwechseln! So verlockend Airbags, Titten, Hupen, Wonnehügel oder Quarktaschen auch sein mögen, in erotischen Geschichten haben sie nichts verloren. Außer vielleicht im Dialog, denn Dirty Talk ist natürlich erlaubt und willkommen.

Sonntag, 13. Oktober 2013

Ich versteh nur Bahnhof



Sex sells, heißt es. Sex ist das Thema Nummer Eins, heißt es weiter. Grund genug, sich einmal an einer erotischen Geschichte zu versuchen, dachte ich mir. Außerdem gefiel mir die Vorstellung, mit nassem Höschen vor dem Laptop zu sitzen und mir versaute Sachen auszudenken. Das fühlt sich bestimmt gar nicht nach Arbeit an, dachte ich mir.

Von wegen. Auch wenn Sex vielleicht das älteste Gewerbe der Welt ist, ist es für mich literarisches Neuland, das ich mir erst keuchend und schwitzend erschließen muss. Als lyrische Jungfrau habe ich noch eine Menge zu lernen, aber von wem? Um ein Gefühl für die schlüpfrigen Feinheiten der erotischen Literatur zu bekommen, habe ich erst mal ein bisschen recherchiert.

Seit es eBook-Reader gibt, lässt sich das ja überall inkognito erledigen. Es ist nicht mehr so wie früher, wo man noch mit dem aktuellsten Marquis de Sade auf den Knien in der Bahn schief angeguckt wurde. Nein, heute kann man den Schweinkram diskret auf dem Weg zur Arbeit oder in der Mittagspause genießen. Zwischen verschlafenen, ahnungslosen Mitmenschen, was ich ziemlich aufregend finde. Ungefähr so, als würde ich im knappen Rock ohne Höschen durch die Stadt laufen. Nicht, dass ich das jemals getan hätte. Aber es ist eine geile Vorstellung, oder?

Wenn du nicht ausgerechnet der prüde Google-Bot bist, stellst du dir jetzt gerade die heiße Textschlampe ohne Höschen vor. Und sei ehrlich, dir gefällt, was du siehst. Genau darum geht es doch bei erotischen Texten. Um unanständige Gedanken, verlockende Möglichkeiten und verborgene Wünsche.

Zumindest in der Theorie. Nach ein paar Zugfahrten erwog ich ernsthaft, eine Fahrkarte ins Kloster zu lösen. Poetisches Pimpern hatte ich mir irgendwie aufregender vorgestellt. Die meisten Geschichten erinnerten michan drittklassige Actionfilme, die sexuelle Handlungen endlos aneinanderreihten. Ohne interessante Figuren, ohne nennenswerte Konflikte und ohne Sinn und Verstand. Ich sah ja ein, dass ich meine Erwartungen viel zu hoch geschraubt hatte. Das erste Mal ist halt immer scheiße. Aber trotzdem.

Mein Interesse an Schuddelliteratur war verflogen. Das Genre, das eben noch so unheimlich spannend erschien, langweilte mich plötzlich. In meinem Frust verschlug es mich in die Bahnhofsbuchhandlung, dem Mekka der verdorbenen Reisebegleitung. Ich kam sogar mit dem Besitzer ins Gespräch, der nicht mit lehrreichen Details über erotische Medien geizte. „Es gibt zwei Arten von Erotik“, sagte er. „Die für Männer.“ Er deute nach rechts auf die Wand mit Hochglanzheften. „Und die für Frauen.“ Er deutete nach links auf den Tisch mit Taschenbüchern.

Männer, so erklärte er weiter, bräuchten den visuellen Reiz. Bilder von nackten Körpern eben. Die Hefte bedienten die Kundenwünsche ziemlich eindeutig. Die prallen Damen auf den Covern sorgten dafür, dass ich Coupé nicht mit einer Autozeitung verwechselte oder Praline für ein Süßwarenmagazin hielt. Weibliche Erotik, fuhr der ergraute Besitzer fort, spiele sich im Kopf ab. Auf dem Büchertisch lagen massenweise Titel wie Shades of Grey, Völgelfrei oder Fucking Berlin.

Männer gucken, Frauen lesen. Lektion verstanden. Solange ich also nicht zur Fotoschlampe umsattele, besteht meine Zielgruppe in erster Line aus Frauen. Sorry, Männer. Ich kann mich nicht dazu durchringen, wirklich ohne Höschen durch die Stadt zu laufen und mein kleines dreckiges Hobby mit dem Handy zu dokumentieren. Die Textschlampe gibt’s bis auf weiteres nur in Prosaform.

Sonntag, 6. Oktober 2013

Textschlampe präsentiert die Quartszahlen



Es gibt gute Neuigkeiten. Die Rohfassung meiner ersten erotischen Kurzgeschichte ist am Mittwochabend (02.10.2013) fertig geworden. Ich bin stolz und glücklich. Der Text besteht aus 16.108 Worten.

Ich hatte vorsichtig 8.000 bis 10.000 Worte angepeilt, war mir aber nicht sicher, ob ich das hinbekomme. So viele Worte auf einmal können ganz schön einschüchtern. Mich zumindest. Am ersten Tag bin ich am Laptop verzweifelt. Da ging gar nichts. Ich war ein Null, die noch nie eine erotische Kurzgeschichte geschrieben hatte und die Worte einfach nicht in eine sinnvolle Reihenfolge bekam. Der Text war ungefähr so frivol wie ein Steuerbescheid. Um ein Haar hätte ich mich aus dem Elfenbeinturm in den wohlverdienten Tod gestürzt, aber zum Glück ließen sich die Fenster nicht öffnen.

Nach der dritten Tasse Kaffee und unzähligen Keksen habe ich endlich einen Text geschrieben, nämlich fuck you.doc. Es war kein versauter Arzt-Roman, sondern ein WORD-Dokument mit meinem ungefiltertem Frust, meiner unbändigen Wut und meinem triefenden Selbstmitleid. So schnell hatte ich selten eine Seite voll. Einmal in Fahrt, konnte ich wenigstens den ersten Absatz meiner Kurzgeschichte verfassen.

Wenn das so weiter geht, bin ich Weihnachten noch nicht fertig, dachte ich. Ende Juni ist das ein erschreckender Gedanke. Stephen King deutet in seiner Autorenbibel Über dasSchreiben an, dass er 2.000 Worte am Tag schreibt. Jeden Tag. Sogar Weihnachten und an seinem Geburtstag. Ein befreundeter Autor hat einen Fantasy-Roman mit gut 100.000 Worten in einem Monat verfasst. Neben seinem damaligen Hauptjob als IT-Berater natürlich. Man hört ständig, dass irgendwelche monomentalen Epen angeblich an einem einzigen Wochenende entstanden sind. Die Autoren hatten dann den Flow, kreativen Autismus, rhythmische 10-Finger-Zuckungen. Keine Ahnung, mir passiert so was nie. Ich bin kerngesund, sprich: arbeitsscheu und langsam.

Ich rede mir gerne ein, dass die Rekorde der anderen sowieso erfunden sind. Zahlen lügen nicht, Menschen dafür ständig. Frauen bei Gewicht und Alter. Männer bei der Länge ihres besten Stücks. Autoren beim täglichen Schreibpensum (und bei der Anzahl ihrer verkaufen Bücher, der Höhe ihres Vorschusses und so weiter).

In den ersten Tagen war das Schreiben echt zäh. Ungefähr so, wie wenn ich nach einer langen Pause mal wieder mit Sport beginne. Schon der Gedanke treibt mir den Schweiß auf die Stirn. Ich zwänge mich nur deshalb in die Laufschuhe, weil die große, böse Wage im Bad eine hundsgemeine erschreckend hohe Zahl ausgespuckt hat, die ich noch nie zuvor gesehen habe.

Mir war klar, das klappt nur mit Disziplin. Also habe ich einen Vertag mit mir selbst geschlossen, der in etwas so aussah:

AUTORENVERTRAG

zwischen

Textschlampe, im folgenden Autor genannt,

und

Textschlampe, im folgenden Agent genannt

  1. Das Wochenpensum des Autors beträgt mind. 1.000 Worte. Die Aufteilung ist unter 2. und 3. geregelt.
  2. Der Autor schreibt an zwei Wochentagen jeweils mind. 250 Worte.
  3. Der Autor schreibt an einem Tag des Wochenendes mind. 500 Worte.
  4. Zuwenig geschriebene Worte müssen unter allen Umständen aufgeholt werden.
  5. Zuviel geschriebene Worte verfallen und dürfen nicht verrechnet werden.
  6. Beim Verstoß gegen die obigen Punkte passiert etwas ganz schlimmes.
  7. Der Agent kann den Vertrag jederzeit kündigen. Der Autor nicht.
Kleingedrucktes: Wer das lesen kann, braucht keine Brille.

Natürlich ist das ein mieser Knebelvertrag, aber ich muss zugeben, dass Textschlampe ein fairer Boss war. In der Woche meines Geburtstags habe ich das Schreiben heimlich ausfallen lassen und Punkt 6. ist zum Glück nicht eingetreten. Puh.

Nach einer Weile konnte ich sogar einen Zahn zulegen. Ich habe dann abends an den Werktagen (meistens montags und dienstags) jeweils 300 Worte und am Samstag 600 Worte geschafft. Das ist immerhin eine Steigerung von 20%. Jeder Controller wäre begeistert.

Wie lange ich für mein Pensum brauchte, war mir zunächst egal. Erst in den letzen zwei Wochen habe ich auf die Uhr geguckt. Mein Schnitt lag bei 176 Worten pro Stunde. Ich weiß, ich weiß, wenn Stephen King so rumschnecken würde, säße er täglich über 11 Stunden am Schreibtisch und hätte bestimmt längst die Fenster des Elfenbeinturms eingeschlagen.

Aber hey, es hat sich gelohnt, die Laufschuhe anzuziehen. Ich habe das Ziel erreicht. Und ein bisschen Spaß hat es auch gemacht. Grund genug, den Prosecco zu entkorken.

Sonntag, 29. September 2013

Verlassen im Elfenbeinturm: Die Einsamkeit der Textschlampe



Die Textschlampe telefoniert. Sie ist kurz angebunden.

Typ: Hey, hast du Lust heute Abend feiern zu gehen?
Textschlampe: Sorry, ich muss was fertig machen.
Typ: Letztens hast du gesagt: Meld dich mal, wenn du was unternimmst. Da dachte ich halt...
Textschlampe: Ich weiß, ich weiß. Aber heute geht’s echt nicht.
Typ: Schade, dann nicht. Vielleicht beim nächsten mal.
Textschlampe: Danke, dass du an mich gedacht hast.
Typ: Ja, klar. Bis dann.

Kaum hat der Typ aufgelegt, hat die Textschlampe ein super schlechtes Gewissen.

Super schlechtes Gewissen: Der Typ ruft dich NIE wieder an.
Textschlampe: Verzieh dich! Ich muss jetzt diesen Text fertig schreiben.
Super schlechtes Gewissen: Wenn du so weiter machst, hast du bald keine Freunde mehr.
Textschlampe: Aber wenn ich andauernd um die Häuser ziehe, wird das nichts mit dem Schreiben!
Super schlechtes Gewissen: Um welche Häuser bist du denn jemals gezogen? Außer um Buchhandlungen?
Textschlampe: Verpiss dich, ich muss arbeiten!!!

So läuft das bei mir ständig. Alles beginnt mit einer tollen Idee, die ich unbedingt schnell aufschreiben muss. Doch halt: Schnell aufschreiben? Ich, die Textschlampe? Ich schreibe so langsam, dass mich manche Leute hinter meinem Rücken liebevoll Textschnecke nennen. Aber selbst Schnellschreiber Konsalik würde ewig brauche, da das Projekt in meinem Kopf längst ausgeufert ist und epische Züge angenommen hat.

Schreiben heißt Opfer bringen. Da ich nicht mit einem netten Milliardär verheiratet bin, der ein Heer von Dienstboten befehligt, muss ich mich selbst um so lästige Dinge wie Haushalt, Einkaufe, Job und soziale Verpflichtungen kümmern.

Da bleibt nicht mehr viel Zeit zum Schreiben übrig. Außer ich setze klare Prioritäten und stelle alles andere hinten an. Und zwar eiskalt und radikal! Ich kenne eine Autorin, die regelmäßig Besuch vom Gerichtsvollzieher bekommt, weil sie ihre Post nicht öffnet und ihre Rechnungen nicht bezahlt. Aus Zeitgründen. Das nenne ich Kommitment! Ich würde mich das nie trauen. Sie ist übrigens sehr erfolgreich.

Ich vertraue auf Zeitmanagement. Das heißt, ich schalte das Telefon aus, zwinge mich, nicht ständig Mails zu checken oder im Netz zu surfen. Ich versuche, um jeden Preis mein selbst gesetztes Pensum zu erfüllen. Dafür sage ich ständig Termine ab, vernachlässige meine drei Freunde (oder sind es inzwischen nur noch zwei?) und habe immer ein super schlechtes Gewissen.

Hier oben im Elfenbeinturm fällt mir dann die Decke auf den Kopf. Ich finde mich asozial, weil ich meine Gedanken einem Computer anvertraue und viel zu viel Zeit mit der blöden Kiste verbringe. Vielleicht sollte ich doch lieber mit dem Typen um die Häuser ziehen? Ich habe manchmal wirklich Angst, mein Leben zu verpasse. Das klingt jetzt schrecklich theatralisch, ich weiß, aber so ist es nun mal. Wenn ich zu lange drüber nachdenke, werde ich depressiv. Also lass ich das lieber und suche mir schnell ein kreatives Schreibprojekt zur Ablenkung. Gehirnjogging und Tastenhopping, schon geht’s mir besser.

Ein amerikanischer Drehbuchautor, dessen Name mir nicht mehr einfällt, hat Schreiben mal als Selbstverteidigung bezeichnet. Er fand es großartig, den ganzen Tag alleine zuhause im Arbeitszimmer abzuhängen. Er hat die Einsamkeit des Schreibens genossen. Für ihn war es der perfekte Job. Er ist übrigens sehr erfolgreich.

Ich habe einige Projekte mit Co-Autoren geschrieben. Wir haben den ganzen Tag gequatscht, nicht immer über die Geschichte, und viel Kaffee getrunken. Das Ideenpingpong war inspirierend, das direkte Feedback erfrischend. Man sieht sofort am Gesicht das anderen, ob eine Idee ankommt oder nicht. Es war toll.

Aber geschrieben hat jeder für sich. Mit anderen Worten: Ich saß wieder alleine im Elfenbeinturm und hatte Angst, dass der Typ nicht mehr anruft. Zum Glück kam meistens irgendwann die Muse vorbei und brachte guten Stoff mit. Das half dann für eine Weile. Aber schreiben ist und bleibt einsam. Da gibt es kein Happy End.