Das Lieblingswort englischsprachiger Autoren beginnt mit P.
Nein, nicht Payment oder Publisher. Die sind beide viel zu abgenutzt, um als
Lieblingsworte durchzugehen. Auch nicht Pulitzer, Price oder Poem. Viel zu
anspruchsvoll für eine ehrliche Unterhaltung. Höre ich da Plot, Paragraph, Paper
oder Pen? Tut mir leid. Purpose, Point of View? Jetzt wird es aber sehr
technisch. Pet, Party, Porno? Schon besser. Zumindest geht es grob in die richtige
Richtung, weil es praktisch nichts mit Schreiben zutun hat. Niemand spricht gerne
über die Arbeit.
Der Daueranwärter auf das literarische Unwort des Jahres in
englischer Sprache (Achtung, es könnte durchaus einmal als Millionenfrage von
Günther Jauch gestellt werden) ist schlicht und ergreifend Procrastination.
Das ist ein Wort für Autoren, nicht für Leser. In Texten –
also im literarischen Endprodukt – taucht es eher selten auf. Doch aus
Autoren-Podcasts, Schriftsteller-Interviews und Schreib-Fibeln (zumindest den
ehrlichen) ist es nicht wegzudenken.
Procrastination heißt so viel wie Zögern, Aufschieben,
Verschleppen. Nicht-Schreiben also. Es ist der Moment, in dem ich in die Küche
trotte, einen verstohlenen Blick in den Kühlschrank werfe, einen Tee aufsetze
und ihn schön lange ziehen lasse. Früchtetee braucht schließlich locker 10
Minuten. Autoren kennen das. Also bis gleich…
10 Minuten später. Ah, der Tee tut gut.
Weniger gut tut das schlechte Gewissen, das jetzt nicht ganz
zu unrecht bemängelt, dass die Aufschieberei reine Zeitverschwendung sei. Reiß
dich endlich zusammen, Textschlampe, und schreib den Blogpost fertig. Sonst
sitzt du noch bis Mitternacht am Laptop und starrst den blinkenden Cursor an.
Je nach Früchteteesorte vielleicht noch länger.
Aber wieso ist das so? Wieso schreibe ich den Kram nicht
einfach runter. Im Prinzip weiß ich ja, was ich sagen will. Nämlich… Also… Ich
möchte mich über die nervige Verzögerungstaktik auslassen, die offenbar zum
Schreiben irgendwie dazu gehört. So wie Jing und Jang, Pech und Schwefel, Die
Schöne und das Biest, Hanni und Nanni. Ach, Mist. Ich glaube, es ist schon
wieder Zeit für einen Tee. Mensch, Textschlampe! Das kannst du nicht bringen.
Das ist total unprofessionell. Na gut, aber wenigstens kurz aufs Klo muss drin
sein. Ich beeil mich auch, versprochen.
2 Minuten später. Sorry, aber Früchtetee läuft verflucht
schnell durch.
Auf dem stillen Örtchen hatte ich eine Erkenntnis. Mir ist
aufgefallen, dass Procrastination immer und überall im Schreibprozess auftaucht.
Es fängt bereits mit der Idee an. So lange sie noch schön unkonkret ist und
unverbindlich im Hintergrund meines Gehirns herumeiert, ist alles okay. Konkretere
Formen werfen hingegen bedrohliche Schatten voraus. Und spätestens, wenn ich
mich entschließe, die Idee auszuarbeiten und aufzuschreiben (Gott bewahre wie
stressig), meldet sich der Procrastinator zu Wort.
Ähm, Aufschreiben – so in ganzen Sätzen – ist gerade
ungünstig, weil ich noch [Ausrede 1] und [Ausrede 2] machen muss. Und selbst
wenn ich wider erwartend schneller damit fertig werde (und davon gehe ich,
Hohes Gericht, nicht aus), bleibt noch immer [Ausrede 3]. Aber – mein Vorschlag
zur Güte - ich könnte schon mal darüber nachdenken, die Idee im Hinterkopf
reifen lassen. Wie einen guten Wein.
Ein amerikanischer Autor meinte in einem Podcast, er sei
davon überzeugt, auch dann zu schreiben, wenn er gerade nicht physisch
schreibe. Sein Gehirn würde dann einfach weiter arbeiten, obwohl er mit Pets,
Partys und Pornos beschäftigt sei.
Vielleicht sollte ich diese Logik mal bei meinem Chef testen.
„Ich weiß, es klingt verrückt. Aber mein Gehirn arbeitet weiter, auch wenn ich
auf der Arbeit schlafe. Im Homeoffice wäre ich übrigens noch produktiver. Was
meinen Sie?“
Das mit dem Reifen lassen, ist prinzipiell keine schlechte
Idee. Aber irgendwann muss ich leider die Ärmel hochkrempeln und loslegen. Sonst
kommt der gute Wein nie in die Flasche. Ja, aber doch nicht heute, ächzt der
Procrastinator mit starkem österreichischem Akzent. Wie wäre es vorher mit
einem Stückchen Sacher-Torte zur Stärkung? Mit Schlag?
4 Werktage später. Sacher verschickt praktisch weltweit.
Details und Preise stehen auf der Homepage. Um ein Haar wäre die Lieferung aus
Wien beim Nachbarn abgegeben worden, was das Schreiben nochmals verzögert
hätte. Ist aber noch mal gut gegangen. Die original Sacher-Torte ist mir
eigentlich etwas zu trocken, aber die Erfahrung war es trotzdem wert. Das
musste jetzt sein.
Wie schafft es Stephen King eigentlich, nach so vielen
Romanen so schlank zu bleiben? Pan Cake, Pastry, Pasta, Pudding – gerne in
dieser Reihenfolge – bieten eine willkommene Abwechslung im harten Schreibprozess,
der vor allem von schweißtreibendem Nichtstun geprägt ist.
In Phase 2, dem tatsächlichen Aneinanderreihen von Worten zu
ganzen Sätzen, wird es nicht gerade leichter. Ich würde mich ja sofort dran
setzen, wenn der Kühlschrank nicht so leer wäre. Ohne Essen geht es einfach
nicht. Außerdem sind da noch [Ausrede 4] und [Ausrede 5], die einfach keinen
Aufschub dulden. Aber danach setze ich mich gleich dran. Versprochen,
Ehrenwort. Promise!