Sonntag, 6. Oktober 2013

Textschlampe präsentiert die Quartszahlen



Es gibt gute Neuigkeiten. Die Rohfassung meiner ersten erotischen Kurzgeschichte ist am Mittwochabend (02.10.2013) fertig geworden. Ich bin stolz und glücklich. Der Text besteht aus 16.108 Worten.

Ich hatte vorsichtig 8.000 bis 10.000 Worte angepeilt, war mir aber nicht sicher, ob ich das hinbekomme. So viele Worte auf einmal können ganz schön einschüchtern. Mich zumindest. Am ersten Tag bin ich am Laptop verzweifelt. Da ging gar nichts. Ich war ein Null, die noch nie eine erotische Kurzgeschichte geschrieben hatte und die Worte einfach nicht in eine sinnvolle Reihenfolge bekam. Der Text war ungefähr so frivol wie ein Steuerbescheid. Um ein Haar hätte ich mich aus dem Elfenbeinturm in den wohlverdienten Tod gestürzt, aber zum Glück ließen sich die Fenster nicht öffnen.

Nach der dritten Tasse Kaffee und unzähligen Keksen habe ich endlich einen Text geschrieben, nämlich fuck you.doc. Es war kein versauter Arzt-Roman, sondern ein WORD-Dokument mit meinem ungefiltertem Frust, meiner unbändigen Wut und meinem triefenden Selbstmitleid. So schnell hatte ich selten eine Seite voll. Einmal in Fahrt, konnte ich wenigstens den ersten Absatz meiner Kurzgeschichte verfassen.

Wenn das so weiter geht, bin ich Weihnachten noch nicht fertig, dachte ich. Ende Juni ist das ein erschreckender Gedanke. Stephen King deutet in seiner Autorenbibel Über dasSchreiben an, dass er 2.000 Worte am Tag schreibt. Jeden Tag. Sogar Weihnachten und an seinem Geburtstag. Ein befreundeter Autor hat einen Fantasy-Roman mit gut 100.000 Worten in einem Monat verfasst. Neben seinem damaligen Hauptjob als IT-Berater natürlich. Man hört ständig, dass irgendwelche monomentalen Epen angeblich an einem einzigen Wochenende entstanden sind. Die Autoren hatten dann den Flow, kreativen Autismus, rhythmische 10-Finger-Zuckungen. Keine Ahnung, mir passiert so was nie. Ich bin kerngesund, sprich: arbeitsscheu und langsam.

Ich rede mir gerne ein, dass die Rekorde der anderen sowieso erfunden sind. Zahlen lügen nicht, Menschen dafür ständig. Frauen bei Gewicht und Alter. Männer bei der Länge ihres besten Stücks. Autoren beim täglichen Schreibpensum (und bei der Anzahl ihrer verkaufen Bücher, der Höhe ihres Vorschusses und so weiter).

In den ersten Tagen war das Schreiben echt zäh. Ungefähr so, wie wenn ich nach einer langen Pause mal wieder mit Sport beginne. Schon der Gedanke treibt mir den Schweiß auf die Stirn. Ich zwänge mich nur deshalb in die Laufschuhe, weil die große, böse Wage im Bad eine hundsgemeine erschreckend hohe Zahl ausgespuckt hat, die ich noch nie zuvor gesehen habe.

Mir war klar, das klappt nur mit Disziplin. Also habe ich einen Vertag mit mir selbst geschlossen, der in etwas so aussah:

AUTORENVERTRAG

zwischen

Textschlampe, im folgenden Autor genannt,

und

Textschlampe, im folgenden Agent genannt

  1. Das Wochenpensum des Autors beträgt mind. 1.000 Worte. Die Aufteilung ist unter 2. und 3. geregelt.
  2. Der Autor schreibt an zwei Wochentagen jeweils mind. 250 Worte.
  3. Der Autor schreibt an einem Tag des Wochenendes mind. 500 Worte.
  4. Zuwenig geschriebene Worte müssen unter allen Umständen aufgeholt werden.
  5. Zuviel geschriebene Worte verfallen und dürfen nicht verrechnet werden.
  6. Beim Verstoß gegen die obigen Punkte passiert etwas ganz schlimmes.
  7. Der Agent kann den Vertrag jederzeit kündigen. Der Autor nicht.
Kleingedrucktes: Wer das lesen kann, braucht keine Brille.

Natürlich ist das ein mieser Knebelvertrag, aber ich muss zugeben, dass Textschlampe ein fairer Boss war. In der Woche meines Geburtstags habe ich das Schreiben heimlich ausfallen lassen und Punkt 6. ist zum Glück nicht eingetreten. Puh.

Nach einer Weile konnte ich sogar einen Zahn zulegen. Ich habe dann abends an den Werktagen (meistens montags und dienstags) jeweils 300 Worte und am Samstag 600 Worte geschafft. Das ist immerhin eine Steigerung von 20%. Jeder Controller wäre begeistert.

Wie lange ich für mein Pensum brauchte, war mir zunächst egal. Erst in den letzen zwei Wochen habe ich auf die Uhr geguckt. Mein Schnitt lag bei 176 Worten pro Stunde. Ich weiß, ich weiß, wenn Stephen King so rumschnecken würde, säße er täglich über 11 Stunden am Schreibtisch und hätte bestimmt längst die Fenster des Elfenbeinturms eingeschlagen.

Aber hey, es hat sich gelohnt, die Laufschuhe anzuziehen. Ich habe das Ziel erreicht. Und ein bisschen Spaß hat es auch gemacht. Grund genug, den Prosecco zu entkorken.

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