Die Textschlampe telefoniert. Sie ist kurz angebunden.
Typ: Hey, hast du Lust heute Abend feiern zu gehen?
Textschlampe: Sorry, ich muss was fertig machen.
Typ: Letztens hast du gesagt: Meld dich mal, wenn du was
unternimmst. Da dachte ich halt...
Textschlampe: Ich weiß, ich weiß. Aber heute geht’s echt
nicht.
Typ: Schade, dann nicht. Vielleicht beim nächsten mal.
Textschlampe: Danke, dass du an mich gedacht hast.
Typ: Ja, klar. Bis dann.
Kaum hat der Typ aufgelegt, hat die Textschlampe ein super
schlechtes Gewissen.
Super schlechtes Gewissen: Der Typ ruft dich NIE wieder an.
Textschlampe: Verzieh dich! Ich muss jetzt diesen Text
fertig schreiben.
Super schlechtes Gewissen: Wenn du so weiter machst, hast du
bald keine Freunde mehr.
Textschlampe: Aber wenn ich andauernd um die Häuser ziehe,
wird das nichts mit dem Schreiben!
Super schlechtes Gewissen: Um welche Häuser bist du denn
jemals gezogen? Außer um Buchhandlungen?
Textschlampe: Verpiss dich, ich muss arbeiten!!!
So läuft das bei mir ständig. Alles beginnt mit einer tollen
Idee, die ich unbedingt schnell aufschreiben muss. Doch halt: Schnell aufschreiben?
Ich, die Textschlampe? Ich schreibe so langsam, dass mich manche Leute hinter
meinem Rücken liebevoll Textschnecke nennen. Aber selbst Schnellschreiber
Konsalik würde ewig brauche, da das Projekt in meinem Kopf längst ausgeufert
ist und epische Züge angenommen hat.
Schreiben heißt Opfer bringen. Da ich nicht mit einem netten
Milliardär verheiratet bin, der ein Heer von Dienstboten befehligt, muss ich
mich selbst um so lästige Dinge wie Haushalt, Einkaufe, Job und soziale
Verpflichtungen kümmern.
Da bleibt nicht mehr viel Zeit zum Schreiben übrig. Außer
ich setze klare Prioritäten und stelle alles andere hinten an. Und zwar eiskalt
und radikal! Ich kenne eine Autorin, die regelmäßig Besuch vom
Gerichtsvollzieher bekommt, weil sie ihre Post nicht öffnet und ihre Rechnungen
nicht bezahlt. Aus Zeitgründen. Das nenne ich Kommitment! Ich würde mich das
nie trauen. Sie ist übrigens sehr erfolgreich.
Ich vertraue auf Zeitmanagement. Das heißt, ich schalte das
Telefon aus, zwinge mich, nicht ständig Mails zu checken oder im Netz zu
surfen. Ich versuche, um jeden Preis mein selbst gesetztes Pensum zu erfüllen.
Dafür sage ich ständig Termine ab, vernachlässige meine drei Freunde (oder sind
es inzwischen nur noch zwei?) und habe immer ein super schlechtes Gewissen.
Hier oben im Elfenbeinturm fällt mir dann die Decke auf den
Kopf. Ich finde mich asozial, weil ich meine Gedanken einem Computer anvertraue
und viel zu viel Zeit mit der blöden Kiste verbringe. Vielleicht sollte ich
doch lieber mit dem Typen um die Häuser ziehen? Ich habe manchmal wirklich
Angst, mein Leben zu verpasse. Das klingt jetzt schrecklich theatralisch, ich
weiß, aber so ist es nun mal. Wenn ich zu lange drüber nachdenke, werde ich
depressiv. Also lass ich das lieber und suche mir schnell ein kreatives Schreibprojekt
zur Ablenkung. Gehirnjogging und Tastenhopping, schon geht’s mir besser.
Ein amerikanischer Drehbuchautor, dessen Name mir nicht mehr
einfällt, hat Schreiben mal als Selbstverteidigung bezeichnet. Er fand es
großartig, den ganzen Tag alleine zuhause im Arbeitszimmer abzuhängen. Er hat
die Einsamkeit des Schreibens genossen. Für ihn war es der perfekte Job. Er ist
übrigens sehr erfolgreich.
Ich habe einige Projekte mit Co-Autoren geschrieben. Wir
haben den ganzen Tag gequatscht, nicht immer über die Geschichte, und viel
Kaffee getrunken. Das Ideenpingpong war inspirierend, das direkte Feedback
erfrischend. Man sieht sofort am Gesicht das anderen, ob eine Idee ankommt oder
nicht. Es war toll.
Aber geschrieben hat jeder für sich. Mit anderen Worten: Ich
saß wieder alleine im Elfenbeinturm und hatte Angst, dass der Typ nicht mehr
anruft. Zum Glück kam meistens irgendwann die Muse vorbei und brachte guten
Stoff mit. Das half dann für eine Weile. Aber schreiben ist und bleibt einsam.
Da gibt es kein Happy End.
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