Ich habe die schreckliche Angewohnheit, immer gleich einen
perfekten Text schreiben zu wollen. Wieso sich auch mit lästigen
Überarbeitungen und langwierigem Redigieren aufhalten, wenn man gleich das Endergebnis
liefern kann? Makellos von Anfang bis Ende.
Natürlich klappt das nicht. Ich schreibe den ersten Satz,
reihe den nächsten daran. Gerate ins Stocken. Überlege, plane, grüble, streiche
irgendwas, halte mich mit sinnlosen Kleinigkeiten auf. Es dauert eine Ewigkeit,
bis endlich der erste Absatz steht. Wohl wissend, dass ich später alles noch
ändern kann – writing ist schließlich rewriting – doktere ich trotzdem weiter
daran rum.
Irgendwann – 100 Jahre später - widme ich mich dann endlich
dem zweiten Absatz, schreibe einen zaghaften Satz, lösche ihn wieder. Und
selbst wenn er stehen bleibt, fällt der nächste bestimmt der mentalen Schere
zum Opfer. Im Schneckentempo geht es weiter.
Das nervt total, ist ziemlich anstrengend und frustrierend. Schreiben
soll doch Spaß machen! Aber die fiesen kleinen Gedanken wollen meinen Kopf
leider nicht in geordneter, formatierter Form verlassen. Sie hinterlassen ein
einziges Chaos, das aufgeräumt und strukturiert werden muss.
Natürlich ist das normal. Gedanken sind halt so. Mir ist
auch klar, dass Schreiben nicht wie Lesen funktioniert. Schön wär’s. Beim Lesen
fängt man einfach oben an und arbeitet sich von Satz zu Satz durch. Ist der
Text gut, macht es sogar Spaß. Schreiben ist anders, schreiben ist Arbeit.
Manche Texte – sehr wenige - kann ich runter schreiben. Dann
schalte ich das Gehirn aus und tippe. Leider klappt das nur, wenn mir der Text
völlig egal ist oder wenn ich mit dem Inhalt sehr vertraut bin. Oder beides. Klassisches
Beispiel: Der Einkaufszettel. Ausgefeiltes Formulieren ist nicht gefragt, ich
schreibe nicht: Halte am Ende des Gangs bei den Damenbinden inne, greife nach
dem lavendelfarbenen Paket Always Ultra im Sonderangebot und lasse es in den Einkaufswagen
gleiten. Ich schreibe: Binden. Fertig.
Bei E-Mails ist das schon schwieriger. Da mischt sich sofort
wieder mein kluger Kopf ein und erinnert nicht ganz zu Unrecht daran, dass der
Leser den Text auch falsch verstehen könnte. Solche Missverständnisse haben
schon Kriege ausgelöst. Ironie kommt in Mails nicht immer als solche rüber. Also
wähle ich ein paar Smilies aus, verliere mich natürlich gleich wieder in der
Unendlichkeit der bunten Gesichter. Es ist zum verrückt werden.
Ein befreundeter Autor hat bei meinen Problemen nur mit dem
Kopf geschüttelt. „Du denkst zuviel nach“, hat er gesagt. „Schreiben ist wie
ein Steinbruch. Du fängst einfach irgendwo an und suchst dir die passenden
Brocken zusammen.“ Das Bild gefällt mir. Das klingt so leicht. Ich versuche
daran zu denken, wenn ich wieder einen Satz lösche und mich länger an einer
Textstelle aufhalte als nötig.
Ich nehme mir dann den nächsten Brocken vor, vielleicht
lässt der sich ja leichter bearbeiten. Vielleicht ist der nicht aus Granit.
Vielleicht bricht meine Spitzhacke nicht gleich wieder ab. Und niemand hat
gesagt, dass Schreiben leicht ist. Steinbrüche sind nichts für Weicheier. Strafgefangene
werde nach Sibirien geschickt zum Steine klopfen. Es ist Schwerstarbeit. Aber
man ist wenigstens an der frischen Luft und weiß am Ende des Tages, was man
getan hat.
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