Sonntag, 15. September 2013

Schreiben ist ein Steinbruch



Ich habe die schreckliche Angewohnheit, immer gleich einen perfekten Text schreiben zu wollen. Wieso sich auch mit lästigen Überarbeitungen und langwierigem Redigieren aufhalten, wenn man gleich das Endergebnis liefern kann? Makellos von Anfang bis Ende.

Natürlich klappt das nicht. Ich schreibe den ersten Satz, reihe den nächsten daran. Gerate ins Stocken. Überlege, plane, grüble, streiche irgendwas, halte mich mit sinnlosen Kleinigkeiten auf. Es dauert eine Ewigkeit, bis endlich der erste Absatz steht. Wohl wissend, dass ich später alles noch ändern kann – writing ist schließlich rewriting – doktere ich trotzdem weiter daran rum.

Irgendwann – 100 Jahre später - widme ich mich dann endlich dem zweiten Absatz, schreibe einen zaghaften Satz, lösche ihn wieder. Und selbst wenn er stehen bleibt, fällt der nächste bestimmt der mentalen Schere zum Opfer. Im Schneckentempo geht es weiter.

Das nervt total, ist ziemlich anstrengend und frustrierend. Schreiben soll doch Spaß machen! Aber die fiesen kleinen Gedanken wollen meinen Kopf leider nicht in geordneter, formatierter Form verlassen. Sie hinterlassen ein einziges Chaos, das aufgeräumt und strukturiert werden muss.

Natürlich ist das normal. Gedanken sind halt so. Mir ist auch klar, dass Schreiben nicht wie Lesen funktioniert. Schön wär’s. Beim Lesen fängt man einfach oben an und arbeitet sich von Satz zu Satz durch. Ist der Text gut, macht es sogar Spaß. Schreiben ist anders, schreiben ist Arbeit.

Manche Texte – sehr wenige - kann ich runter schreiben. Dann schalte ich das Gehirn aus und tippe. Leider klappt das nur, wenn mir der Text völlig egal ist oder wenn ich mit dem Inhalt sehr vertraut bin. Oder beides. Klassisches Beispiel: Der Einkaufszettel. Ausgefeiltes Formulieren ist nicht gefragt, ich schreibe nicht: Halte am Ende des Gangs bei den Damenbinden inne, greife nach dem lavendelfarbenen Paket Always Ultra im Sonderangebot und lasse es in den Einkaufswagen gleiten. Ich schreibe: Binden. Fertig.

Bei E-Mails ist das schon schwieriger. Da mischt sich sofort wieder mein kluger Kopf ein und erinnert nicht ganz zu Unrecht daran, dass der Leser den Text auch falsch verstehen könnte. Solche Missverständnisse haben schon Kriege ausgelöst. Ironie kommt in Mails nicht immer als solche rüber. Also wähle ich ein paar Smilies aus, verliere mich natürlich gleich wieder in der Unendlichkeit der bunten Gesichter. Es ist zum verrückt werden.

Ein befreundeter Autor hat bei meinen Problemen nur mit dem Kopf geschüttelt. „Du denkst zuviel nach“, hat er gesagt. „Schreiben ist wie ein Steinbruch. Du fängst einfach irgendwo an und suchst dir die passenden Brocken zusammen.“ Das Bild gefällt mir. Das klingt so leicht. Ich versuche daran zu denken, wenn ich wieder einen Satz lösche und mich länger an einer Textstelle aufhalte als nötig.

Ich nehme mir dann den nächsten Brocken vor, vielleicht lässt der sich ja leichter bearbeiten. Vielleicht ist der nicht aus Granit. Vielleicht bricht meine Spitzhacke nicht gleich wieder ab. Und niemand hat gesagt, dass Schreiben leicht ist. Steinbrüche sind nichts für Weicheier. Strafgefangene werde nach Sibirien geschickt zum Steine klopfen. Es ist Schwerstarbeit. Aber man ist wenigstens an der frischen Luft und weiß am Ende des Tages, was man getan hat.

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