Sonntag, 29. September 2013

Verlassen im Elfenbeinturm: Die Einsamkeit der Textschlampe



Die Textschlampe telefoniert. Sie ist kurz angebunden.

Typ: Hey, hast du Lust heute Abend feiern zu gehen?
Textschlampe: Sorry, ich muss was fertig machen.
Typ: Letztens hast du gesagt: Meld dich mal, wenn du was unternimmst. Da dachte ich halt...
Textschlampe: Ich weiß, ich weiß. Aber heute geht’s echt nicht.
Typ: Schade, dann nicht. Vielleicht beim nächsten mal.
Textschlampe: Danke, dass du an mich gedacht hast.
Typ: Ja, klar. Bis dann.

Kaum hat der Typ aufgelegt, hat die Textschlampe ein super schlechtes Gewissen.

Super schlechtes Gewissen: Der Typ ruft dich NIE wieder an.
Textschlampe: Verzieh dich! Ich muss jetzt diesen Text fertig schreiben.
Super schlechtes Gewissen: Wenn du so weiter machst, hast du bald keine Freunde mehr.
Textschlampe: Aber wenn ich andauernd um die Häuser ziehe, wird das nichts mit dem Schreiben!
Super schlechtes Gewissen: Um welche Häuser bist du denn jemals gezogen? Außer um Buchhandlungen?
Textschlampe: Verpiss dich, ich muss arbeiten!!!

So läuft das bei mir ständig. Alles beginnt mit einer tollen Idee, die ich unbedingt schnell aufschreiben muss. Doch halt: Schnell aufschreiben? Ich, die Textschlampe? Ich schreibe so langsam, dass mich manche Leute hinter meinem Rücken liebevoll Textschnecke nennen. Aber selbst Schnellschreiber Konsalik würde ewig brauche, da das Projekt in meinem Kopf längst ausgeufert ist und epische Züge angenommen hat.

Schreiben heißt Opfer bringen. Da ich nicht mit einem netten Milliardär verheiratet bin, der ein Heer von Dienstboten befehligt, muss ich mich selbst um so lästige Dinge wie Haushalt, Einkaufe, Job und soziale Verpflichtungen kümmern.

Da bleibt nicht mehr viel Zeit zum Schreiben übrig. Außer ich setze klare Prioritäten und stelle alles andere hinten an. Und zwar eiskalt und radikal! Ich kenne eine Autorin, die regelmäßig Besuch vom Gerichtsvollzieher bekommt, weil sie ihre Post nicht öffnet und ihre Rechnungen nicht bezahlt. Aus Zeitgründen. Das nenne ich Kommitment! Ich würde mich das nie trauen. Sie ist übrigens sehr erfolgreich.

Ich vertraue auf Zeitmanagement. Das heißt, ich schalte das Telefon aus, zwinge mich, nicht ständig Mails zu checken oder im Netz zu surfen. Ich versuche, um jeden Preis mein selbst gesetztes Pensum zu erfüllen. Dafür sage ich ständig Termine ab, vernachlässige meine drei Freunde (oder sind es inzwischen nur noch zwei?) und habe immer ein super schlechtes Gewissen.

Hier oben im Elfenbeinturm fällt mir dann die Decke auf den Kopf. Ich finde mich asozial, weil ich meine Gedanken einem Computer anvertraue und viel zu viel Zeit mit der blöden Kiste verbringe. Vielleicht sollte ich doch lieber mit dem Typen um die Häuser ziehen? Ich habe manchmal wirklich Angst, mein Leben zu verpasse. Das klingt jetzt schrecklich theatralisch, ich weiß, aber so ist es nun mal. Wenn ich zu lange drüber nachdenke, werde ich depressiv. Also lass ich das lieber und suche mir schnell ein kreatives Schreibprojekt zur Ablenkung. Gehirnjogging und Tastenhopping, schon geht’s mir besser.

Ein amerikanischer Drehbuchautor, dessen Name mir nicht mehr einfällt, hat Schreiben mal als Selbstverteidigung bezeichnet. Er fand es großartig, den ganzen Tag alleine zuhause im Arbeitszimmer abzuhängen. Er hat die Einsamkeit des Schreibens genossen. Für ihn war es der perfekte Job. Er ist übrigens sehr erfolgreich.

Ich habe einige Projekte mit Co-Autoren geschrieben. Wir haben den ganzen Tag gequatscht, nicht immer über die Geschichte, und viel Kaffee getrunken. Das Ideenpingpong war inspirierend, das direkte Feedback erfrischend. Man sieht sofort am Gesicht das anderen, ob eine Idee ankommt oder nicht. Es war toll.

Aber geschrieben hat jeder für sich. Mit anderen Worten: Ich saß wieder alleine im Elfenbeinturm und hatte Angst, dass der Typ nicht mehr anruft. Zum Glück kam meistens irgendwann die Muse vorbei und brachte guten Stoff mit. Das half dann für eine Weile. Aber schreiben ist und bleibt einsam. Da gibt es kein Happy End.

Sonntag, 22. September 2013

Szene 69: Showdown im Bett



Die meisten erotischen Geschichten erinnerten mich an Action Filme. Das soll kein Kompliment sein. Action Filme langweilen mich oft, weil sie bloß irgendwelche immer gleichen Aktionen aneinander reihen. Ungefähr so: Der Action-Held hechtete über die Motorhaube des Landrovers, der Sekunden später in einem riesigen Feuerfall verglühte, ballerte das Magazin leer und ging hinter dem Jägerzaun in Deckung. Und so klingen vielen erotische Geschichten: Der Frauen-Held riss der süßen Sekretärin das enge Kleidchen herunter, das ihren heißen Körper verhüllt hatte, vergrub seinen Kopf in ihren festen Brüsten und begann damit, ihre harten Nippel mit der Zunge zu umspielen.

Nichts gegen feste Brüste und harte Nippel. Sie gehören in erotische Geschichten wie explodierende Autos und rauchende Schrotflinten in Action Filme. Sie sind nette Genre-Zutaten, aber sie einfach bloß aneinanderzureihen, reicht nicht. Trotzdem passiert in vielen Erotik-Geschichten genau das.

Im Kino mag das sogar funktionieren, wenn die visuellen Reize stark genug sind. Beeindruckende Effekte, waghalsige Stunts, üppige Ausstattung und Ryan Reynolds reißen eine Menge raus. Bei Filmen gibt’s immer was zu sehen, bei Texten nicht. Da müssen die Bilder im Kopf entstehen. Das Abspulen des immer Gleichen führt schnell zum Deja-vu. Fest Brüste und harte Nippel? Die gab’s doch schon in der letzten Geschichte.

Moment mal, bei Pornos beschwert sich doch auch keiner, könnte der beleidigte Erotik Autor jetzt einwerfen. Aber Pornos leben von schönen Körpern und erinnern in ihrer Dramaturgie ein bisschen an Circus-Nummern. Manege frei für die Schlangenfrau und ihren wilden Hengst! Freuen sie sich auf ein Feuerwerk der Akrobatik! Wer aus den Stand in ein Spagat springen oder auf andere Weise gekonnt die Beine spreizen kann, kann auf eine Handlung getrost verzichten.

In Trailer von Action Filmen wird gerne drauf hingewiesen, dass DIESEN SOMMER oder DIESES JAHR oder JETZT alles noch größer, lauter und teurer wird. Auch manche Erotik Autoren ziehen gerne die Daumenschrauben an, lassen es richtig krachen, brechen ein paar Tabus – oder kratzen zumindest daran. Leider ist extremer nicht unbedingt erotischer. Das eigentliche Problem aber ist, dass der Reiz auch hier schnell verfliegt, wenn wieder nur aneinandergereiht wird, wenn der erotische Höhepunkt aus seitenlangen Beschreibungen von bekannten Sex-Praktiken besteht.

Ein explodierendes Auto bleibt ein explodierendes Auto. Aber kann es nicht wenigstens lustig explodieren? Selbstverständlich! Das Erfolgsrezept der Action Komödie lässt sich auch auf erotische Geschichten übertragen. Die vor Klischees und Champagner triefenden Erotikserie Caprice dreht sich um heiße Models, scharfe ReporterInnen und gut gebaute Jachtbesitzer. Der erste Teil liest sich gar nicht schlecht, weil die Autorin ihn kräftig mit Humor gewürzt hat. Die immer gleichen Sexszenen werden bewusst zur Farce überdreht. Bettgeflüster wird Teil der Handlung, wenn die Reporterschlampe Sex zur Informationsgewinnung oder zur Tarnung (Stichwort: Undercover) nutzt. Das unterhält für eine Weile, ermüdet aber letztlich dennoch. Gegen eine uninspirierte Handlung und austauschbare Figuren kommt Humor eben auf Dauer auch nicht an. Wohldosiert kann Humor Bettgeschichten aber sehr bereichern. Einen guten One-liner gehört in jeden Action Kracher.

In Action Filmen werden Konflikte zumeinst lautstark mit Waffen ausgetragen. Leider halten sich viele erotische Geschichte eher an das Make Love, Not War Motto von Pornos. Da wird gekuschelt und *?$!&§#, ohne dass es irgendwelche Probleme gibt. Folglich geht der Geschichte bald die Luft aus. Natürlich ist das nicht immer so. Shades of Grey lebt von seinen Konflikten. Christian Grey will keine Liebesbeziehung, Anastasia Steele schon. Er will, dass sie sich ihm unterwirft. Sie will, dass er sich ihr öffnet. Zumindest im ersten Drittel (des ersten Romans) klappt das sehr gut, danach dümpeln die Konflikte leider vor sich hin und das Umblättern der Seiten fällt zunehmend schwerer, was eigentlich schade ist.

Konflikte sind mit Figuren verknüpft. Das Action Kino ist nicht gerade berühmt für ausgefeilte Figuren, aber es gibt sie natürlich, und gerade in Buddy-Movies bestimmen sie oft die Szenen. Statt eines Einzelkämpfers a la Rambo ballert sich ein ungleiches Paar, z.B. die Bad Boys, gemeinsam bis zum Showdown durch. Ungleiche Paar funktionieren auch im Schlafzimmer gut. Männlich und weiblich, dominant und devot, erfahren und unerfahren, reich und arm, alt und jung, Gegensätze ziehen sich eben an. Klassische Beispiele sind Mr. Grey und Ms. Steele, Edward Lewis und Vivian Ward (leider bleibt in Pretty Woman die Schlafzimmertür meistens geschlossen). Oft wird die Geschichte aus der Perspektive der schwächeren Person erzählt, der devoten, armen und jungen Frau. Auch Action Filme haben eine Schwäche für Underdogs, die sich erst behaupten müssen.

Eine gute Geschichte braucht lebendige Figuren und interessante Konflikte. Natürlich ist das ein ganz alter Hut, aber die wenigsten Erotik Autoren (die ich gelesen habe) ziehen ihn sich an. Es wird nicht mal der Versuch unternommen, mehr als nur eine Wichsvorlage zu schreiben. Eine gute erotische Geschichte sollte eine Achterbahnfahrt der Gefühle sein. Egal, ob Liebe, Wollust, Begehren, Eifersucht, Gewissensbisse, irgendwas davon muss rein. Und zwar richtig. Sonst bleibt der Poolreiniger ein wandelndes Klischee, das auch nicht interessanter wird, wenn sein bestes Stück in allen Einzelheiten beschrieben wird. Und das läufige Au-pair Mädchen, das DIESES JAHR extra dicke Titten hat, kann es auch nicht rausreißen. Hasta la vista, baby!

Sonntag, 15. September 2013

Schreiben ist ein Steinbruch



Ich habe die schreckliche Angewohnheit, immer gleich einen perfekten Text schreiben zu wollen. Wieso sich auch mit lästigen Überarbeitungen und langwierigem Redigieren aufhalten, wenn man gleich das Endergebnis liefern kann? Makellos von Anfang bis Ende.

Natürlich klappt das nicht. Ich schreibe den ersten Satz, reihe den nächsten daran. Gerate ins Stocken. Überlege, plane, grüble, streiche irgendwas, halte mich mit sinnlosen Kleinigkeiten auf. Es dauert eine Ewigkeit, bis endlich der erste Absatz steht. Wohl wissend, dass ich später alles noch ändern kann – writing ist schließlich rewriting – doktere ich trotzdem weiter daran rum.

Irgendwann – 100 Jahre später - widme ich mich dann endlich dem zweiten Absatz, schreibe einen zaghaften Satz, lösche ihn wieder. Und selbst wenn er stehen bleibt, fällt der nächste bestimmt der mentalen Schere zum Opfer. Im Schneckentempo geht es weiter.

Das nervt total, ist ziemlich anstrengend und frustrierend. Schreiben soll doch Spaß machen! Aber die fiesen kleinen Gedanken wollen meinen Kopf leider nicht in geordneter, formatierter Form verlassen. Sie hinterlassen ein einziges Chaos, das aufgeräumt und strukturiert werden muss.

Natürlich ist das normal. Gedanken sind halt so. Mir ist auch klar, dass Schreiben nicht wie Lesen funktioniert. Schön wär’s. Beim Lesen fängt man einfach oben an und arbeitet sich von Satz zu Satz durch. Ist der Text gut, macht es sogar Spaß. Schreiben ist anders, schreiben ist Arbeit.

Manche Texte – sehr wenige - kann ich runter schreiben. Dann schalte ich das Gehirn aus und tippe. Leider klappt das nur, wenn mir der Text völlig egal ist oder wenn ich mit dem Inhalt sehr vertraut bin. Oder beides. Klassisches Beispiel: Der Einkaufszettel. Ausgefeiltes Formulieren ist nicht gefragt, ich schreibe nicht: Halte am Ende des Gangs bei den Damenbinden inne, greife nach dem lavendelfarbenen Paket Always Ultra im Sonderangebot und lasse es in den Einkaufswagen gleiten. Ich schreibe: Binden. Fertig.

Bei E-Mails ist das schon schwieriger. Da mischt sich sofort wieder mein kluger Kopf ein und erinnert nicht ganz zu Unrecht daran, dass der Leser den Text auch falsch verstehen könnte. Solche Missverständnisse haben schon Kriege ausgelöst. Ironie kommt in Mails nicht immer als solche rüber. Also wähle ich ein paar Smilies aus, verliere mich natürlich gleich wieder in der Unendlichkeit der bunten Gesichter. Es ist zum verrückt werden.

Ein befreundeter Autor hat bei meinen Problemen nur mit dem Kopf geschüttelt. „Du denkst zuviel nach“, hat er gesagt. „Schreiben ist wie ein Steinbruch. Du fängst einfach irgendwo an und suchst dir die passenden Brocken zusammen.“ Das Bild gefällt mir. Das klingt so leicht. Ich versuche daran zu denken, wenn ich wieder einen Satz lösche und mich länger an einer Textstelle aufhalte als nötig.

Ich nehme mir dann den nächsten Brocken vor, vielleicht lässt der sich ja leichter bearbeiten. Vielleicht ist der nicht aus Granit. Vielleicht bricht meine Spitzhacke nicht gleich wieder ab. Und niemand hat gesagt, dass Schreiben leicht ist. Steinbrüche sind nichts für Weicheier. Strafgefangene werde nach Sibirien geschickt zum Steine klopfen. Es ist Schwerstarbeit. Aber man ist wenigstens an der frischen Luft und weiß am Ende des Tages, was man getan hat.

Sonntag, 8. September 2013

Intime Bekenntnisse einer Textschlampe



Ich gehe davon aus, dass das nur der Google-Bot liest. Deshalb begrüße ich dich, lieber Google-Bot, ganz herzlich zu meinem ersten richtigen Blog-Beitrag. Um ehrlich zu sein, kannst du aber gleich weiter ziehen und dich echtem Content widmen. Ich glaube nämlich kaum, dass jemand diese Seite sucht. Hierhin verirrt man sich höchstens.

Wenn du bleiben will, auch gut. Du könntest dich fragen, warum der Blog Textschlampe heißt. Naja, weil ich eine Textschlampe bin. Da du nur ein Bot bist, hast du keine schweinischen Hintergedanken und schickst mir keine privaten Nachrichten. Wir können das also ganz nüchtern von Frau zu Maschine besprechen.

Ich bin eine Textschlampe, weil ich einfach schlampig schreibe. Ich verschlucke schon mal Buchstaben, Silben oder auch ganze Wörter. Manchmal vergesse ich auch Worte zu löschen, verheddere mich im roten Faden usw. Von meinem schlampigen Umgang mit Kommas will ich gar nicht erst anfangen.

Es gibt aber noch einen zweiten Grund: Ich schreibe einen erotischen Text, eine Kurzgeschichte, um genau zu sein. Da es also um Sex geht (Achtung aufpassen, lieber politisch korrekter Google-Bot), passt Schlampe eben auch ganz gut. So als Motiv.

Der dritte Grund ist, dass es gar nicht so einfach ist, bei Blogspot einen guten Namen zu finden, der noch frei ist. Schreibmaus fand ich echt spitze. Da war aber jemand schneller, wenn auch bisher nicht sehr fleißig. Ich hatte kurz feuchtes in Erwägung gezogen (Der Satz ist doppeldeutig, lieber Google-Blog). feuchtes passt zwar zum Inhalt der Kurzgeschichte. Es klang mir jedoch zu sehr nach Charlotte Roche und – was noch wichtiger ist – in diesem Blog soll es gar nicht um Sex gehen, sondern ums Schreiben.

Tut mir Leid, dass ich dich langweile, lieber Google-Bot. Schreiben ist nicht dein Thema, davon hast du keine Ahnung – du bist ja ein Leser. Ein professioneller Vielleser noch dazu. Aber ich kann dir versichern, Schreiben ist manchmal ziemlich schwierig, mitunter frustrierend, gelegentlich zum verrückt werden. Wenn es aber gelingt, dann ist es besser als Sex (Sorry, Google-Bot, auch nicht dein Thema). Erfolgreiches Wortpuzzlen, Wortbasteln, Wortverdrehen, Textschmieden – Schreiben eben – kann sehr erfüllend sein.

Mehr dazu beim nächsten Mal. Die nächste Schreibblockade (Der Name ist leider auch schon weg) kommt bestimmt. Verlauf dich nicht im Netz, lieber Google-Bot.

Deine Textschlampe