Sonntag, 22. September 2013

Szene 69: Showdown im Bett



Die meisten erotischen Geschichten erinnerten mich an Action Filme. Das soll kein Kompliment sein. Action Filme langweilen mich oft, weil sie bloß irgendwelche immer gleichen Aktionen aneinander reihen. Ungefähr so: Der Action-Held hechtete über die Motorhaube des Landrovers, der Sekunden später in einem riesigen Feuerfall verglühte, ballerte das Magazin leer und ging hinter dem Jägerzaun in Deckung. Und so klingen vielen erotische Geschichten: Der Frauen-Held riss der süßen Sekretärin das enge Kleidchen herunter, das ihren heißen Körper verhüllt hatte, vergrub seinen Kopf in ihren festen Brüsten und begann damit, ihre harten Nippel mit der Zunge zu umspielen.

Nichts gegen feste Brüste und harte Nippel. Sie gehören in erotische Geschichten wie explodierende Autos und rauchende Schrotflinten in Action Filme. Sie sind nette Genre-Zutaten, aber sie einfach bloß aneinanderzureihen, reicht nicht. Trotzdem passiert in vielen Erotik-Geschichten genau das.

Im Kino mag das sogar funktionieren, wenn die visuellen Reize stark genug sind. Beeindruckende Effekte, waghalsige Stunts, üppige Ausstattung und Ryan Reynolds reißen eine Menge raus. Bei Filmen gibt’s immer was zu sehen, bei Texten nicht. Da müssen die Bilder im Kopf entstehen. Das Abspulen des immer Gleichen führt schnell zum Deja-vu. Fest Brüste und harte Nippel? Die gab’s doch schon in der letzten Geschichte.

Moment mal, bei Pornos beschwert sich doch auch keiner, könnte der beleidigte Erotik Autor jetzt einwerfen. Aber Pornos leben von schönen Körpern und erinnern in ihrer Dramaturgie ein bisschen an Circus-Nummern. Manege frei für die Schlangenfrau und ihren wilden Hengst! Freuen sie sich auf ein Feuerwerk der Akrobatik! Wer aus den Stand in ein Spagat springen oder auf andere Weise gekonnt die Beine spreizen kann, kann auf eine Handlung getrost verzichten.

In Trailer von Action Filmen wird gerne drauf hingewiesen, dass DIESEN SOMMER oder DIESES JAHR oder JETZT alles noch größer, lauter und teurer wird. Auch manche Erotik Autoren ziehen gerne die Daumenschrauben an, lassen es richtig krachen, brechen ein paar Tabus – oder kratzen zumindest daran. Leider ist extremer nicht unbedingt erotischer. Das eigentliche Problem aber ist, dass der Reiz auch hier schnell verfliegt, wenn wieder nur aneinandergereiht wird, wenn der erotische Höhepunkt aus seitenlangen Beschreibungen von bekannten Sex-Praktiken besteht.

Ein explodierendes Auto bleibt ein explodierendes Auto. Aber kann es nicht wenigstens lustig explodieren? Selbstverständlich! Das Erfolgsrezept der Action Komödie lässt sich auch auf erotische Geschichten übertragen. Die vor Klischees und Champagner triefenden Erotikserie Caprice dreht sich um heiße Models, scharfe ReporterInnen und gut gebaute Jachtbesitzer. Der erste Teil liest sich gar nicht schlecht, weil die Autorin ihn kräftig mit Humor gewürzt hat. Die immer gleichen Sexszenen werden bewusst zur Farce überdreht. Bettgeflüster wird Teil der Handlung, wenn die Reporterschlampe Sex zur Informationsgewinnung oder zur Tarnung (Stichwort: Undercover) nutzt. Das unterhält für eine Weile, ermüdet aber letztlich dennoch. Gegen eine uninspirierte Handlung und austauschbare Figuren kommt Humor eben auf Dauer auch nicht an. Wohldosiert kann Humor Bettgeschichten aber sehr bereichern. Einen guten One-liner gehört in jeden Action Kracher.

In Action Filmen werden Konflikte zumeinst lautstark mit Waffen ausgetragen. Leider halten sich viele erotische Geschichte eher an das Make Love, Not War Motto von Pornos. Da wird gekuschelt und *?$!&§#, ohne dass es irgendwelche Probleme gibt. Folglich geht der Geschichte bald die Luft aus. Natürlich ist das nicht immer so. Shades of Grey lebt von seinen Konflikten. Christian Grey will keine Liebesbeziehung, Anastasia Steele schon. Er will, dass sie sich ihm unterwirft. Sie will, dass er sich ihr öffnet. Zumindest im ersten Drittel (des ersten Romans) klappt das sehr gut, danach dümpeln die Konflikte leider vor sich hin und das Umblättern der Seiten fällt zunehmend schwerer, was eigentlich schade ist.

Konflikte sind mit Figuren verknüpft. Das Action Kino ist nicht gerade berühmt für ausgefeilte Figuren, aber es gibt sie natürlich, und gerade in Buddy-Movies bestimmen sie oft die Szenen. Statt eines Einzelkämpfers a la Rambo ballert sich ein ungleiches Paar, z.B. die Bad Boys, gemeinsam bis zum Showdown durch. Ungleiche Paar funktionieren auch im Schlafzimmer gut. Männlich und weiblich, dominant und devot, erfahren und unerfahren, reich und arm, alt und jung, Gegensätze ziehen sich eben an. Klassische Beispiele sind Mr. Grey und Ms. Steele, Edward Lewis und Vivian Ward (leider bleibt in Pretty Woman die Schlafzimmertür meistens geschlossen). Oft wird die Geschichte aus der Perspektive der schwächeren Person erzählt, der devoten, armen und jungen Frau. Auch Action Filme haben eine Schwäche für Underdogs, die sich erst behaupten müssen.

Eine gute Geschichte braucht lebendige Figuren und interessante Konflikte. Natürlich ist das ein ganz alter Hut, aber die wenigsten Erotik Autoren (die ich gelesen habe) ziehen ihn sich an. Es wird nicht mal der Versuch unternommen, mehr als nur eine Wichsvorlage zu schreiben. Eine gute erotische Geschichte sollte eine Achterbahnfahrt der Gefühle sein. Egal, ob Liebe, Wollust, Begehren, Eifersucht, Gewissensbisse, irgendwas davon muss rein. Und zwar richtig. Sonst bleibt der Poolreiniger ein wandelndes Klischee, das auch nicht interessanter wird, wenn sein bestes Stück in allen Einzelheiten beschrieben wird. Und das läufige Au-pair Mädchen, das DIESES JAHR extra dicke Titten hat, kann es auch nicht rausreißen. Hasta la vista, baby!

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