Samstag, 7. Dezember 2013

Das mach ich gleich



Das Lieblingswort englischsprachiger Autoren beginnt mit P. Nein, nicht Payment oder Publisher. Die sind beide viel zu abgenutzt, um als Lieblingsworte durchzugehen. Auch nicht Pulitzer, Price oder Poem. Viel zu anspruchsvoll für eine ehrliche Unterhaltung. Höre ich da Plot, Paragraph, Paper oder Pen? Tut mir leid. Purpose, Point of View? Jetzt wird es aber sehr technisch. Pet, Party, Porno? Schon besser. Zumindest geht es grob in die richtige Richtung, weil es praktisch nichts mit Schreiben zutun hat. Niemand spricht gerne über die Arbeit.

Der Daueranwärter auf das literarische Unwort des Jahres in englischer Sprache (Achtung, es könnte durchaus einmal als Millionenfrage von Günther Jauch gestellt werden) ist schlicht und ergreifend Procrastination.

Das ist ein Wort für Autoren, nicht für Leser. In Texten – also im literarischen Endprodukt – taucht es eher selten auf. Doch aus Autoren-Podcasts, Schriftsteller-Interviews und Schreib-Fibeln (zumindest den ehrlichen) ist es nicht wegzudenken.

Procrastination heißt so viel wie Zögern, Aufschieben, Verschleppen. Nicht-Schreiben also. Es ist der Moment, in dem ich in die Küche trotte, einen verstohlenen Blick in den Kühlschrank werfe, einen Tee aufsetze und ihn schön lange ziehen lasse. Früchtetee braucht schließlich locker 10 Minuten. Autoren kennen das. Also bis gleich…

10 Minuten später. Ah, der Tee tut gut.

Weniger gut tut das schlechte Gewissen, das jetzt nicht ganz zu unrecht bemängelt, dass die Aufschieberei reine Zeitverschwendung sei. Reiß dich endlich zusammen, Textschlampe, und schreib den Blogpost fertig. Sonst sitzt du noch bis Mitternacht am Laptop und starrst den blinkenden Cursor an. Je nach Früchteteesorte vielleicht noch länger.

Aber wieso ist das so? Wieso schreibe ich den Kram nicht einfach runter. Im Prinzip weiß ich ja, was ich sagen will. Nämlich… Also… Ich möchte mich über die nervige Verzögerungstaktik auslassen, die offenbar zum Schreiben irgendwie dazu gehört. So wie Jing und Jang, Pech und Schwefel, Die Schöne und das Biest, Hanni und Nanni. Ach, Mist. Ich glaube, es ist schon wieder Zeit für einen Tee. Mensch, Textschlampe! Das kannst du nicht bringen. Das ist total unprofessionell. Na gut, aber wenigstens kurz aufs Klo muss drin sein. Ich beeil mich auch, versprochen.

2 Minuten später. Sorry, aber Früchtetee läuft verflucht schnell durch.

Auf dem stillen Örtchen hatte ich eine Erkenntnis. Mir ist aufgefallen, dass Procrastination immer und überall im Schreibprozess auftaucht. Es fängt bereits mit der Idee an. So lange sie noch schön unkonkret ist und unverbindlich im Hintergrund meines Gehirns herumeiert, ist alles okay. Konkretere Formen werfen hingegen bedrohliche Schatten voraus. Und spätestens, wenn ich mich entschließe, die Idee auszuarbeiten und aufzuschreiben (Gott bewahre wie stressig), meldet sich der Procrastinator zu Wort.

Ähm, Aufschreiben – so in ganzen Sätzen – ist gerade ungünstig, weil ich noch [Ausrede 1] und [Ausrede 2] machen muss. Und selbst wenn ich wider erwartend schneller damit fertig werde (und davon gehe ich, Hohes Gericht, nicht aus), bleibt noch immer [Ausrede 3]. Aber – mein Vorschlag zur Güte - ich könnte schon mal darüber nachdenken, die Idee im Hinterkopf reifen lassen. Wie einen guten Wein.

Ein amerikanischer Autor meinte in einem Podcast, er sei davon überzeugt, auch dann zu schreiben, wenn er gerade nicht physisch schreibe. Sein Gehirn würde dann einfach weiter arbeiten, obwohl er mit Pets, Partys und Pornos beschäftigt sei.

Vielleicht sollte ich diese Logik mal bei meinem Chef testen. „Ich weiß, es klingt verrückt. Aber mein Gehirn arbeitet weiter, auch wenn ich auf der Arbeit schlafe. Im Homeoffice wäre ich übrigens noch produktiver. Was meinen Sie?“

Das mit dem Reifen lassen, ist prinzipiell keine schlechte Idee. Aber irgendwann muss ich leider die Ärmel hochkrempeln und loslegen. Sonst kommt der gute Wein nie in die Flasche. Ja, aber doch nicht heute, ächzt der Procrastinator mit starkem österreichischem Akzent. Wie wäre es vorher mit einem Stückchen Sacher-Torte zur Stärkung? Mit Schlag?

4 Werktage später. Sacher verschickt praktisch weltweit. Details und Preise stehen auf der Homepage. Um ein Haar wäre die Lieferung aus Wien beim Nachbarn abgegeben worden, was das Schreiben nochmals verzögert hätte. Ist aber noch mal gut gegangen. Die original Sacher-Torte ist mir eigentlich etwas zu trocken, aber die Erfahrung war es trotzdem wert. Das musste jetzt sein.

Wie schafft es Stephen King eigentlich, nach so vielen Romanen so schlank zu bleiben? Pan Cake, Pastry, Pasta, Pudding – gerne in dieser Reihenfolge – bieten eine willkommene Abwechslung im harten Schreibprozess, der vor allem von schweißtreibendem Nichtstun geprägt ist.

In Phase 2, dem tatsächlichen Aneinanderreihen von Worten zu ganzen Sätzen, wird es nicht gerade leichter. Ich würde mich ja sofort dran setzen, wenn der Kühlschrank nicht so leer wäre. Ohne Essen geht es einfach nicht. Außerdem sind da noch [Ausrede 4] und [Ausrede 5], die einfach keinen Aufschub dulden. Aber danach setze ich mich gleich dran. Versprochen, Ehrenwort. Promise!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen